50 Jahre Wembley-Finale : Die brave Klasse von 1966

Das WM-Finale von Wembley wird 50 – das damalige deutsche Team wurde nie so gewürdigt wie dessen Vorgänger und Nachfolger im deutschen Fußball.

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Nur am Ball abgehoben. Wolfgang Weber (links) wehrt vor dem Engländer Martin Peters ab. Auch nach dem Tor der Engländer zum 3:2 köpfte Weber den Ball weg – was allerdings den Deutschen nichts mehr nützte.
Nur am Ball abgehoben. Wolfgang Weber (links) wehrt vor dem Engländer Martin Peters ab. Auch nach dem Tor der Engländer zum 3:2...Foto: imago/United Archives International

Es dauerte etwas, bis Wolfgang Weber auftauchte. „Heute? Wirklich? Ich dachte, wir treffen uns am Freitag ...“, sagte er am Telefon, angerufen vom Geißbockheim aus, auf dem Trainingsgelände des 1. FC Köln, wo er zum Gespräch über die WM 66 erwartet wurde. „Oje, ich muss da in meinem Terminkalender was verwechselt haben. Ich bin in einer halben Stunde da. Ich muss noch schnell duschen, ich hatte heute gärtnerische Aktivitäten.“ Weber erwähnte erst später, dass gärtnerische Aktivitäten für ihn auch heißt, die grünen Ufer des Rheins als Mitglied eines Kölner Bürgervereins von Müll zu befreien.

Kann man sich Fußballstars der Siebziger- oder Achtzigerjahre, oder gar einen der heutigen Profis, als Müllaufsammler am Rhein oder sonstwo vorstellen? Wolfgang Weber ist der freundliche Kerl von nebenan, obwohl er Nationalspieler und ein technisch versierter Spieler war, bekannt für sein Ausgleichstor in letzter Minute im WM-Finale 1966. Und er sah auch noch gut aus mit Beatles-Haarschnitt auf seinen Autogrammkarten.

Einer wie Weber passte gut in das deutsche Team damals, übertroffen vielleicht nur vom übernormalen Uwe Seeler. Wie Weber für den 1. FC Köln, so spielte auch der ewiger Hamburger nur für einen Verein in seiner Karriere, den HSV. Ein Ausbund an Fairness, hanseatischer, fast schon britischer Fairness, war dieser Uwe Seeler darüber hinaus. Er stand zu seinen Prinzipien, sogar in einem für eine Fußballerkarriere alles entscheidenden Moment. „Die drei Jüngsten im Team, Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath und ich, rannten zum Linienrichter und protestierten“, erzählt Weber. „Uwe hat uns sofort weggejagt, er hat gesagt: Hört auf zu protestieren, der Schiedsrichter hat entschieden!“ In solchen Kategorien habe man damals gedacht. „Aber wir Jüngeren waren eben für die Gerechtigkeit.“

Wolfgang Weber spricht hier natürlich über die Situation der WM 1966, zumindest aus deutscher Sicht. Als Verteidiger, der dem Geschehen in jener 101. Minute im Finale zwischen England und Deutschland im Wembleystadion am nächsten stand, hatte er gesehen, dass der Ball nicht über der Linie war. Doch das Tor wurde gegeben und der Rest ist Geschichte, englische Geschichte vor allem. In diesem Jahr feiern die Engländer, die derzeit ansonsten nicht viel zu feiern haben, das 50. Jubiläum ihres Sieges von Wembley, ihrer sportlichen finest hour.

Kein furor teutonicus auf dem Rasen von Wembley

Und die Deutschen? Die machten einen guten Eindruck und waren ausgezogen, einen solchen zu hinterlassen. Selbst ein milder Protest wie der von Beckenbauer, Overath und Weber galt als unangebracht. Auch einer derartigen Extremsituation, zumindest in sportlicher Hinsicht, war mit stoischer Fairness zu begegnen. Jeder furor teutonicus blieb aus unter Sportsfreunden wie Seeler, Tilkowski, Held oder Haller. „Später habe ich von vielen gehört, dass wir unser Land ganz anständig vertreten haben“, sagt Wolfgang Weber. „Überlegen Sie mal, wie brav und harmlos wir das Wembleytor weggesteckt haben. Können Sie sich so etwas heute vorstellen?“ Weber ist nicht nur stolz darauf, das Finale erreicht zu haben. „Wir haben im gesamten Turnier keinen Platzverweis bekommen, wir hatten keine linken und hinterhältigen Spieler dabei.“ Aber gewonnen haben die anderen, die Engländer, denen Weber vorwirft, mit vorschnellem, unglaubwürdigem Jubel beim Wembleytor die Unparteiischen beeinflusst zu haben.

Sorry. Uwe Seeler im Finale 1966 – ohne Beatles-Haarschnitt.
Sorry. Uwe Seeler im Finale 1966 – ohne Beatles-Haarschnitt.Foto: Imago/Simon

Die brave Klasse von 1966 verkörperte eine Zwischengeneration im deutschen Fußball. Tilkowski, Jahrgang 1935, und der ein Jahr jüngere Seeler waren alt genug, sich an den Krieg zu erinnern, aber sie hatten mit den durch den Krieg geprägten Siegern von 1954 nichts mehr zu tun. Andererseits waren sie zu alt für die erste Generation von Fußball-Popstars, in die auch der jüngere Weber nicht mehr wirklich vordringen konnte.

1966 war auch das Jahr, in dem der zweite deutsche Bundeskanzler, Ludwig Erhard, der zwar als Minister für das Wirtschaftswunder steht, aber kein erfolgreicher Regierungschef war, der ersten großen Koalition weichen musste. Zwischenspiel auch in der Politik, im Lebensgefühl, vor den für beides prägenderen Willy-Brandt-Jahren und den Achtundsechzigern. Parallelen zwischen Fußball und Politik sollten nicht zu weit getrieben werden und das „Rebellentum“ eines Günter Netzer oder Paul Breitner wird von Nostalgikern sicher größer gemacht, als es war. Aber glamouröser ging es auf jeden Fall zu auf dem Platz in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren als jemals zuvor im deutschen Fußball.

Auch eine tragische Fußballgeneration

Verglichen mit den kulturellen, politischen und fußballerischen Entwicklungen der kommenden Jahre waren die mittleren Sechziger nüchterne Zeiten. Dazu passte ein neuer Stil in der Fußballkommentierung. Reporter schienen nun alles zu tun, um sich vom Wochenschaustil der Nazizeit abzusetzen, den ein Herbert Zimmermann in seiner 54er Radioübertragung noch nahtlos pflegte. Die Fernsehübertragungen von 1966 strapazierten einen Willen zur Objektivität und Bescheidenheit, der Emotionen und Parteilichkeit nicht zuließ, dafür aber lange Phasen des Schweigens, die man sich heute das eine oder andere Mal zurückwünscht, wenn auch nicht in der damaligen Dosierung.

Auf eine Art verkörpern die nüchternen 66er auch eine tragische Fußballgeneration, nicht nur wegen der unglücklichen Niederlage. Selbst wenn sie damals gewonnen hätten, stünden sie womöglich heute nicht mit den Helden und Stars von 1954 und 1974 auf einer Stufe, denen, die vor und nach ihnen kamen.

1954 stand für das Wirtschaftswunder, ein Gefühl des „Wir sind wieder wer“ von Auferstandenen aus Ruinen. Da war man zwar auch wieder unschön nationalistisch, aber das „Wunder von Bern“ hat auf ebenso wundersame Art diesen Touch verloren. Es bleibt ein weitestgehend positiver Mythos, der vom gleichnamigen Sönke-Wortmann-Film oder dem Roman „Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ von F. C. Delius verstärkt wurde. Dass beide, Regisseur wie Schriftsteller, eher als Linke wahrgenommen wurden, half womöglich dabei.

1974 war dann der große Sieg zu Hause, aber auch Höhepunkt und Ende der Generation Beckenbauer. Wir wissen ja von Conaisseuren und Beteiligten, dass die Mannschaft, die 1972 Europameister wurde, die eigentlich allergrößte war. Aber ein WM-Sieg daheim ist der bessere Stoff für Legenden. Zumal eine EM damals dann doch nicht die Bedeutung hatte wie heute. Hinzu kommt: Der Gegner 1974 hieß Holland, ein Aspekt, der in der Rückschau immer wichtiger wurde. So wie die Engländer heute retrospektiv um die WM 1966 herum eine bis heute reichende Rivalität zwischen Deutschland und England konstruieren, wird auch 1974 eher im Nachhinein in einen solchen Rivalitätskontext gebracht. Beides ist ein Mythos, denn wie konnte Deutschland 1966 für die Engländer ein Rivale sein, wenn man gegen sie noch kein einziges Länderspiel gewonnen hatte? Erst zwei Jahre später in Hannover war es so weit. Auch der voetbal total der Holländer war 1974 noch ein junges Phänomen. Seit 1938 waren die Niederlande überhaupt zum ersten Mal wieder bei einer WM dabei.

Im Neuschwanstein des Fußballs

Und sogar die Weltmeister von 1990, die eher respektiert als verehrt werden, erfuhren wohl höhere Wertschätzung als die 66er. Die Mauer war gefallen, Deutschland auf dem Weg zur Wiedervereinigung und Franz Beckenbauer, der Kapitän von 1974, gewann nun ein zweites Mal als Trainer. Das kaiserliche Image hat durch sein skandalöses Verhalten als nationaler und internationaler Fußballfunktionär zuletzt arg und zu Recht gelitten, seine Leistungen als Spieler und Trainer werden am Ende aber wohl auch das überstrahlen.

Der Stellenwert der Sieger von 2014 im Kanon des deutschen Fußballs ist derzeit noch nicht wirklich abschätzbar. Als erste europäische Mannschaft in Südamerika zu gewinnen und den Gastgeber und fünfmaligen Weltmeister Brasilien 7:1 zu schlagen, könnte hilfreich für eine längerfristige Legendenbildung sein.

Was bleibt also von jenen, die vor fünfzig Jahren in Wembley unglücklich unterlagen? Dass sich ihr sportliches Schicksal auf dem „Heiligen Rasen“ von Wembley entschied, in dem Land, auf das wir unsere Ursprungsfantasien des Fußballs, der Demokratie und des Pop projizieren? Das „Neuschwanstein des Fußballs“ nennt Wolfgang Weber das alte Wembleystadion und fügt den vielen Mythen damit einen eigenen, durchaus selbstironisch zu verstehenden Superlativ hinzu.

Und er selbst? Als wollte er seinen Status als sympathischer Normalo aus Köln unterstreichen, ging er 1996, bei der EM, auf Wohnmobilreise durch England und saß wie jeder andere selbstzahlende Fan auf den Rängen.

Das Wembleytor bleibt - als Begriff

Damals kam der Fußball zwar nach Hause, aber die Trophäe nicht. Denn die nahmen diesmal die Deutschen mit. Auch das setzt das Geschehen von 1966 aus deutscher Sicht in Perspektive. Oder auch schon der Viertelfinalsieg jener mythisch-kreativen EM-Truppe 1972 in Wembley. Es ist aus heutiger Sicht nichts Besonderes, da zu gewinnen. Sportlich weniger bedeutende, aber durchaus unterhaltsame Anekdoten wie die beiden deutschen Siege vor dem Abriss des alten und nach der Eröffnung des neuen Wembleystadions drängten 1966 im kollektiven Gedächtnis der Fußballfans noch weiter in den Hintergrund.

Was aber bleibt, ist das Wembleytor. Als Begriff, der zwar seine emotionalen Konnotationen über die Jahre verloren und sogar Wolfgang Weber ein wenig ermüdet hat. Doch das Wort fällt immer noch recht zuverlässig, wenn bei einem Spiel mit deutscher Beteiligung ein Ball von der Unterkante der Latte in Richtung Torlinie fällt, egal ob in der Kreisliga oder bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Dieser Essay ist ein vom Autor ins Deutsche übersetztes und gekürztes Kapitel aus dem gerade in Großbritannien erschienenen Buch „1966 And Not All That“, herausgegeben von Mark Perryman. Die vollständige englische Version finden Sie hier.

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