Sport : 5000 Fans in der Hobbyrunde

Die Kassel Huskies begeistern in der fünften Eishockey-Liga die Massen

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Einschwören auf die Hessenliga. Die Kassel Huskies setzen nach dem DEL-Lizenzentzug nur noch auf einheimische Spieler. Foto: p-a
Einschwören auf die Hessenliga. Die Kassel Huskies setzen nach dem DEL-Lizenzentzug nur noch auf einheimische Spieler. Foto: p-aFoto: picture-alliance / Eibner-Presse

Eigentlich hatte Shane Tarves von Bandenchecks genug. Irgendwie verständlich, immerhin ist Tarves schon 56 Jahre alt. Seine Eishockey-Karriere als Stürmer liegt weit zurück, 1992 hat er sie in Kassel beendet, Zweite Liga war das damals. Danach blieb der gebürtige Kanadier in Kassel, der Liebe wegen. Und plötzlich, im Spätsommer dieses Jahres, klingelte sein Telefon. Milan Mokros war dran, der neue Trainer des EC Kassel Huskies. Es ginge um ein Projekt, das Eishockey in Kassel nach dem Rausschmiss aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) wieder hochbringen wolle. Dazu brauche er Tarves’ Hilfe. Der hörte zu und sagte zunächst: „Du spinnst.“ Aber am Ende dachte er: Warum eigentlich nicht?

Also sagte er zu. „Weil mich das Konzept überzeugt: ehrliches Eishockey mit Spielern aus Kassel“, sagt Tarves. Also stand sein Comeback – und Tarves mit 56 Jahren in der Hobbyrunde Hessenliga.

Dass Tarves jetzt seine Sonntage wieder auf dem Eis in der Eissporthalle am Auestadion verbringt, hängt auch mit dem Desaster der Kassel Huskies in der DEL zusammen. In Kassel ist Eishockey zwar Passion, aber in den vergangenen Jahren nisteten sich die Huskies im Tabellenkeller ein, die Zuschauerzahlen sanken. In der Vorsaison kamen teilweise nur noch 2500 Fans. Am Ende verpasste Kassel die Vor-Play-offs um 18 Punkte und bekam finanzielle Probleme. Es folgte ein ewiges juristisches Hin und Her zwischen Klub und DEL, in dem es um den Lizenzentzug wegen des laufenden Insolvenzverfahrens der Huskies ging. Doch alle findigen Tricks der Kasseler nutzten nichts, am Ende wurden sie aus der DEL ausgeschlossen, und auch die Zweite Liga blieb ihnen verwehrt.

Dann kam Marc Berghöfer ins Spiel. Berghöfer ist Vorsitzender der Eishockey-Jugend Kassel, Stammverein der Huskies. Der ursprüngliche Plan war gewesen, eine neue Reservemannschaft in der Hessenliga zu melden. Doch nach dem DEL-Aus war das Ersatzteam plötzlich der Rettungsanker für den Klub. Berghöfer engagierte Mokros als Trainer, ein Kasseler Urgestein. Und Mokros hatte eine Idee: Warum nicht den vielen Talenten einige gestandene Spieler zur Seite stellen? Also rief er neben Tarves noch vier weitere Kasseler Legenden an, die bereits älter als 40 Jahre sind. Sie sagten zu und führen jetzt ein Team, in dem die jüngsten Spieler gerade einmal 17 sind. Und immer wenn ein Eishockey-Senior aufs Eis kommt, sind die Zuschauer selig. Sie glauben wieder an ihren Verein und kommen in Scharen. Mehr als 5000 Zuschauer drängen teilweise in die Eissporthalle – in der fünften Liga.

Dass Tarves einmal einen solchen Heldenstatus in Kassel genießen würde, war zu Beginn seiner Karriere nicht absehbar gewesen. Ende der Siebziger kam er nach Deutschland, wechselte 1981 nach Kassel. Shane „The Train“ (Der Zug) Tarves nannten sie ihn damals. Wegen seiner Schnelligkeit. In 517 Partien erzielte er 600 Tore, sein Trikot mit der Nummer 3 hängt unterm Hallendach. Und nun läuft „The Train“ wieder übers Eis, wenn auch langsamer. „Bummelzug würde wohl eher zutreffen“, gibt Tarves zu.

Doch die Leute lieben ihn. Die Spiele an sich sind eigentlich egal, bei Kantersiegen von 25:1 oder 18:1 ist das kein Wunder. Dass die Huskies Tabellenführer sind mit einem Torverhältnis von 88:5 nach sechs Begegnungen und wohl aufsteigen werden, ist da nur logisch. Sie profitieren von ihrer Nachwuchsarbeit, denn Geld, so der Vorsitzende Berghöfer, bekomme kein Spieler. „Im Gegenteil: Die bezahlen sogar alle Vereinsbeitrag.“

Solche Worte hören sie gern in Kassel. Nach Jahren in der DEL, in denen Profis kamen und gingen, „sehnen sich die Leute hier nach Eishockey mit Spielern aus der Region“, sagt Berghöfer. Zur DEL möchte er nichts sagen, er will sich nicht den Mund verbrennen. Die Fans sind da weniger zurückhaltend. „Scheiß DEL“, singen sie.

Wie lang der Mix aus Amateursport und Party die Fans lockt, ist nicht abzusehen. Aber Berghöfer will nicht sesshaft werden in Liga fünf. „Es gibt nur einen Weg: nach oben. Allerdings muss es bezahlbar bleiben.“ Tarves will dann nicht mehr dabei sein, im Sommer ist wieder Schluss. „Ein Jahr reicht“, sagt er. „Nach den Spielen tut mir immer alles weh.“

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