Sport : 58, 70, 2006

Wie sich Michael Ballack Eingang in die Heldengeschichte des deutschen Fußballs verschaffte

Stefan Hermanns

Berlin - Der Held des Abends, einer der Helden, hätte elegische Lobeshymnen verdient, aber es schien, als hätte der Held überhaupt nicht mitgespielt. In den Erörterungen nach dem Spiel kam er nicht weiter vor. Ein Wort zu Michael Ballack bitte, Joachim Löw: „Sagen wir mal, die Mittelfeldspieler und die Außenverteidiger sind enorm viel gelaufen.“ Torsten Frings, was sagen Sie zu der Leistung von Michael Ballack? „Ich will nicht nur Michael hervorheben. Jeder Spieler hat ein gutes Spiel gemacht.“

Das mag sein, aber Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hatte es trotzdem nicht verdient, als einer von vielen unterzutauchen. Die Technische Kommission der Fifa hatte ihn nach dem Viertelfinale gegen Argentinien zum „Man of the Match“ gekürt, doch unter den Journalisten waren latente Vorbehalte zu spüren, dass es wieder einmal den falschen erwischt haben könnte. Wann immer dies der Fall ist, wird der Spieler des Spiels gefragt, wen er denn gewählt hätte. Ballack hielt daraufhin eine ausschweifende Lobrede auf Torsten Frings, seinen Kombattanten aus dem Mittelfeld. Frings habe ein „sehr, sehr starkes Spiel“ gemacht. „Er hat viel abgeräumt. Egal, wer da kam, er hat niemandem Luft gelassen.“

Ähnliche Hymnen hätte auch Ballack verdient gehabt, und es war fast typisch, dass die hymnischste Lobpreisung nach dem Viertelfinale aus dem Ausland kam. „Ballack war genau die Spielerpersönlichkeit, von der die Welt träumt“, schrieb die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ über den Kapitän der Nationalmannschaft. Das deutsche Publikum hat sich immer ein bisschen schwer getan, mit einer fairen Würdigung von Ballacks Spiel. Das liegt auch daran, dass sich sein Spiel schwer entschlüsseln lässt: Es ist derart universell, dass es keine überragende Stärke hat, die allen sofort ins Auge sticht – von seinem Offensivkopfball einmal abgesehen.

In den letzten Wochen seiner Zeit bei Bayern München ist der Mittelfeldspieler gerne mal auf diese Stärke reduziert worden – als könne er sonst nichts. Karl- Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, hat ihm zum Abschied hinterhergesagt: „Stefan Effenberg war ein Stratege, eine große Führungskraft auf dem Platz. Ballack wird dafür stehen, dass er der kopfballgefährlichste Mittelfeldspieler ist oder war, der je beim FC Bayern gespielt hat.“ Es ist nicht ohne Ironie, dass der ganze Unmut der Münchner an Ballack nach einem Spiel im Berliner Olympiastadion eskalierte. Es war Ende April, nach dem Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt, als Franz Beckenbauer das Wort wider den Mittelfeldspieler ergriff: „Ich habe mich gefragt: Spielt er mit, oder spielt er nicht mit?“

Ballack hat vor dem Spiel gegen Argentinien gesagt, dass er die Schlussphase bei Bayern München nicht überbewerten wolle. Diese Aussagen hätten ihn ein bisschen treffen sollen. Im Spiel gegen Argentinien hat er dann gezeigt, dass er sehr wohl eine Führungspersönlichkeit ist, ein Stratege und auch ein großer Kämpfer. Ballack hatte schon in der ersten Halbzeit einen Tritt in die Wade bekommen, die ihn im weiteren Verlauf der Begegnung nachhaltig behinderte. Trotzdem leitete er nach der Pause den deutschen Widerstand gegen die drohende Niederlage und das WM-Ende für den Gastgeber an. Michael Ballack war die uneingeschränkte Autorität der deutschen Mannschaft.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat seinen Kapitän immer wieder als „unseren Leader“ bezeichnet. Nie hat Ballack diese Rolle besser ausgefüllt als nach der Pause gegen Argentinien. In der ersten Hälfte hatte er – wie die meisten seiner Kollegen – nervös gewirkt und überfordert damit, das fahrige Spiel seiner Mannschaft zu beruhigen. Ballack spielte einige Fehlpässe, verlor ungewohnt häufig den Ball; andererseits unterstützte er Torsten Frings vorbildlich bei der Sicherung der eigenen Defensive. Zudem hatte er die beste Chance des gesamten Spiels. In der 17. Minute kam er nach einer Flanke von Bernd Schneider völlig unbedrängt zum Kopfball. Der Ball flog knapp übers Tor.

Michael Ballack hat sich bei der WM vor vier Jahren eine Art Heldenstatus erspielt, weil er die Nationalmannschaft mit seinen Toren im Viertelfinale (1:0 gegen die USA) und im Halbfinale (1:0 gegen Südkorea) ins Endspiel schoss. Bei diesem Turnier ist sein Wert für das deutsche Spiel noch größer, auch wenn der Beitrag nicht so spektakulär erscheint. Ballack hat bei dieser WM noch kein Tor erzielt, doch er verleiht der Mannschaft mit seiner altruistischen Spielweise eine defensive Stabilität, die zu Beginn des Turniers niemand für möglich gehalten hätte.

Mit dem Spiel gegen Argentinien hat sich Ballack endgültig Eingang in die Heldengeschichte des deutschen Fußballs verschafft. In der zweiten Halbzeit musste er sich immer wieder an der verletzten Wade behandeln lassen, zudem wurde Ballack von Krämpfen geplagt. „Es war ziemlich heftig“, berichtete er. Trotzdem quälte sich der Kapitän weiter über den Platz, weil Klinsmann bereits dreimal ausgewechselt hatte. Derart öffentlichkeitswirksam haben zuvor nur der humpelnde Fritz Walter im WM- Halbfinale 1958 gegen Schweden und 1970 Franz Beckenbauer mit seiner verbundenen Schulter im so genannten Jahrhundertspiel gegen Italien gelitten.

Michael Ballack leitete den Ausgleich durch Miroslav Klose ein, in der 116. Minute spielte er noch einen fast tödlichen Pass auf Oliver Neuville: Er schüttelte ihn quasi aus dem Fußgelenk, bevor er vor Schmerzen auf den Rasen sank. In der letzten Aktion des Spiels köpfte der Kapitän einen Freistoß der Argentinier aus dem eigenen Strafraum, und auch im Elfmeterschießen trat Ballack an. Natürlich verwandelte er. „Er hat sofort von sich aus gesagt, er werde schießen“, berichtete Kotrainer Joachim Löw. Jürgen Klinsmann witzelte nach dem Spiel: „Ich habe ihn nur gefragt, ob er mit links oder mit rechts schießen will.“

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