Sport : 60 MINUTEN MIT Jan Ullrich

Wie der deutsche Radprofi das Zeitfahren erlebte

Rainer Guareschil

Jan Ullrich hatte Gelb vor Augen, als er kurz vor 16 Uhr seine warme Jacke auszog und seine Zeitfahrmaschine an die Startrampe auf dem Marktplatz des bretonischen Weilers Pornic schob. Schon den ganzen Vormittag hatte es entlang der Atlantikküste gegossen – bei solcher Witterung setzen Rennfahrer wie Ullrich (Foto: dpa) aufhellende Brillengläser auf. Ullrich nahm gelbe Gläser. Der Rahmen der Brille war zudem in den Regenbogenfarben koloriert, die im Radsport das Trikot des Weltmeisters zieren: Der Zeitfahr-Weltmeister von 1999 und 2001 machte klar, dass er siegen wollte.

Eine lange Minute hatte Ullrich auf der Rampe Zeit, bevor die elektronische Hupe ihm den Weg auf die Strecke freigab. Ullrich atmete tief durch, pustete sich ein wenig die Anspannung aus der Brust und schaute gesammelt nach vorne, in Richtung der 49 Kilometer nasser Strasse, die die Tour de France entscheiden würden. Dann trat er an und wuchtete sein Rad, das bei seiner Hochgeschwindigkeits- Übersetzung pro Pedalumdrehung 10 Meter weit fährt, so lange hin und her, bis er seine Reisegeschwindigkeit von gut 50 Stundenkilometer erreicht hatte. Legte sich auf den Lenker und nahm, den Kopf weit in den Nacken gelegt, eine elegante Haltung auf dem Rad ein - eine Haltung, die vergessen lässt, welch schwere Arbeit der Pilot verrichtet.

So glitt Ullrich über die im Regen glänzende Fahrbahn in Richtung Nantes, eine perfekte Einheit aus Mensch und Maschine. Wie auch sein Konkurrent, Lance Armstrong, obwohl der weniger elegant sein Rad bediente. An den Kontrollpunkten des Zeitfahrens war mal der eine leicht im Vorteil, mal der andere. Keiner war wirklich überlegen.

Es bahnte sich der große Showdown um den Sieg an, und Ullrich schien seine Umgebung zu vergessen. Auf treten, atmen, steuern konzentriert, fuhr er nur Zentimeter an den beschirmten Zuschauern vorbei, um niemals die Ideallinie zu verlassen. Auch, als es bei Kilometer 37 in einen Kreisverkehr ging, nahm Ullrich die Bordsteinkante so eng wie ein Slalomläufer eine Kippstange. Doch direkt neben dem Bordstein stand das Wasser zentimetertief. Die auf elf Atü aufgepumpten, nur 21 Millimeter breiten Reifen verloren die Bodenhaftung. Ullrich schlitterte quer über die Fahrbahn.

Er hat in diesem Augenblick gewusst, dass alles vorbei ist. Zwar schwang er sich schnell wieder aufs Rad, doch der Rhythmus war gebrochen. In die nächsten Kurven tastete er sich hinein und versteuerte sich trotzdem. Der Instinkt des Rennfahrers funktionierte nicht mehr – Jan Ullrich war verunsichert.

Auf den letzten Kilometern nutzte Jan Ullrich kein Kampfesmut mehr. Er investierte noch einmal alle Kraft, wenn es geradeaus ging – und musste sich doch eingestehen, dass es nicht mehr zum Toursieg reichen würde. Erschöpft fuhr er über die Ziellinie auf dem Boulevard des Martyrs in Nantes. Er senkte den Kopf.

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