Sport : 70 Millionen neue Fans

Die Türken hadern noch mit Schiedsrichter, Torwart und Niederlage. Insgesamt ist die Nation aber stolz auf ihr Team – und will nun Deutschland anfeuern

Thomas Seibert[Istanbul]

Wir haben besser gespielt, aber ihr habt gewonnen“, sagt der türkische Bekannte. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt der Verkäufer vom Laden an der Ecke. Am Morgen nach der türkischen Niederlage erlebten Deutsche in Istanbul, welch gute Verlierer die Türken sein können. Mehr noch: Seit Mittwoch haben die Deutschen 70 Millionen Anhänger mehr. „Wenn es ins Endspiel geht, dann werden die Türken den Deutschen die Daumen drücken“, sagte der Student Mehmet Kartal. Natürlich hätten die Türken lieber selbst um den Titel gespielt. Das Land hadert noch etwas mit seinem Schicksal – die Torlatte, der sehr deutsch-freundliche Schiedsrichter, die vielen Verletzungen seien schuld gewesen, hieß es in den Zeitungen. Die Spieler selbst traf nach Meinung der meisten Kommentatoren keine Schuld – nur Torwart Rüstü Recber wurde wegen seines Fehlers beim Kopfballtreffer von Miroslav Klose zehn Minuten vor Schluss scharf kritisiert. „Wenn wir einen Torhüter gehabt hätten, stünden wir jetzt im Finale“, giftete die Zeitung „Sabah“.

Insgesamt sind die Türken, allen voran Staatspräsident Abdullah Gül, aber stolz auf ihre Nationalmannschaft, die mit ihrem Kampfgeist bei der EM in den vergangenen zwei Wochen in Europa neue Sympathien für die Türken geweckt hat. Auch die Spieler sollen davon profitieren. Semih Sentürk gehe womöglich jetzt zu Arsenal London, berichteten einige Zeitungen.

Auch über einen möglichen Nachfolger für Trainer Fatih Terim wurde schon heftig spekuliert. Dabei fiel auch der Name Christoph Daum. Der Trainer des 1. FC Köln, der in der Vergangenheit bei den beiden Istanbuler Klubs Fenerbahce und Besiktas gearbeitet hat, genießt am Bosporus nach wie vor einen tadellosen Ruf. Im Falle von Daum wäre es selbst für die nationalstolzen Türken denkbar, dass sie einen Ausländer als Chef ihrer Nationalmannschaft akzeptieren – schließlich hatte Daum oft betont, die Türkei sei sein zweites Vaterland.

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