Sport : 85. Flandern-Rundfahrt: Ein Zwist, der keiner ist

Hartmut Scherzer

Die aufgeregten Fragen aus Deutschland wundern Rudy Pevenage: Fährt Wesemann nicht für Zabel, sondern sogar gegen ihn? Seitdem Steffen Wesemann (30) nach seinem eindrucksvollen zweiten Platz beim Grand Prix Harelbeke angekündigt hat, bei der 85. Flandern-Rundfahrt am Sonntag "um den Sieg mitzufahren", wird sofort Rivalität im Team Telekom vermutet. "Unsinn", erwidert der Sportdirektor. "Wir haben zwei Spitzenfahrer und sind froh darüber." Doch in Deutschland, so Pevenages Eindruck, werde daraus "ein Thema konstruiert". In Belgien, sagt der Belgier, käme niemand auf die Idee, etwa beim belgischem Team Domo einen Zwist zwischen Weltmeister Romans Vainsteins und dem Lokalfavoriten Johan Museeuw zu wittern.

Wer für wen, wann und wo in die Pedale tritt und ob überhaupt - diese Hackordnung wird nicht festgelegt, sondern ergibt sich im Rennen. Selbst wenn Erik Zabel als Weltpokal-Verteidiger und Sieger von Mailand-San Remo natürlich als Telekom-Kapitän zum zweiten Frühjahrsklassiker in Brügge startet. "Wenn beide gut drauf und beim Finale noch dabei sind, umso besser", sagt Pevenage. Das Finale des 269 Kilometer langen Rennens beginnt direkt vor seiner Haustür an der berühmt-berüchtigten "Muur" in Geraardsbergen, 15 Kilometer vor dem Ziel in Meerbeke. Am schmalsten und steilsten Stück (20 Prozent) der "Ronde" haben selbst die stärksten Beine Mühe, im kleinsten Gang die Kurbel rundzutreten und nicht stehen zu bleiben. 475 Meter ist diese teuflische Rampe lang.

Obwohl diese schmalen, holprigen Feld- und Fuhrwerkswege durch Flandern "nicht mein Ding sind" und er zehn bis fünfzehn Prozent seines Leistungsvermögens verliere, "sobald ich die belgische Grenze überschreite", wie Erik Zabel einmal gesagt hat, gehöre dieser Klassiker einfach zu seinem Pflichtprogramm. Zum neunten Mal schon tut er sich die "Kasseis" an, wie das Kopfsteinpflaster auf Flämisch heißt. "Jedes Jahr wird der Platz besser und der Rückstand geringer. Wenn ich noch einige Jahre fahre, werde ich die Flandern-Rundfahrt vielleicht auch mal gewinnen", sagt Zabel. Im vorigen Jahr war der Berliner mit Wohnsitz Unna Vierter. Bisher hat erst ein Deutscher dieses Radrennen gewonnen: Rudi Altig 1964.

Anders als Wesemann, der sich in den belgischen Rennen GP Harelbeke und "Drei Tage von De Panne" an Widrigkeiten der Flandern-Rundfahrt gewöhnte ("Schnee, Regen, Kälte und Sturm sind mir egal"), verzichtete Zabel auf die belgische Vorbereitung. "Ich zähle nicht zu den Favoriten", behauptet Zabel. "Das macht die Sache für mich leichter." Die angemeldeten Ambitionen Steffen Wesemanns irritieren ihn nicht. Im Gegenteil: "Mit Steffen sind wir nicht so leicht auszurechnen. Letztes Jahr hatte er auch oft seine Chance gesucht, sich dann aber zum Schluss vorbildlich in den Dienst für mich gestellt. Warum sollte diese Situation in diesem Jahr nicht wieder eintreten?"

An seiner Loyalität zum Kapitän hält Wesemann trotz eigener Siegesabsichten weiterhin fest: "Wenn wir beide gemeinsam in die Zielgerade einbiegen, werde ich natürlich den Spurt für ihn vorbereiten." Rolf Aldag, Gian-Matteo Fagnini, Danilo Hondo, Kai Hundertmarck, Andreas Klier und Jan Schaffrath werden die beiden Favoriten aus dem Team Telekom unterstützen.

Jan Ullrich hatte diesen Klassiker nicht in seinem Terminplan, wohl aber die am Montag beginnende Baskenland-Rundfahrt. Dort startet auch seine Mannschaft mit den Tour-Kandidaten Udo Bölts, Alberto Elli, Giuseppe Guerini, Vorjahrssieger Andreas Klöden, Kevin Livingston, Roberto Sgambelluri und Alexander Winokurow. Nur der Tour-Star selbst fehlt. Badenweiler statt Baskenland: Jan Ullrich trainiert nächste Woche im Trainingszentrum des Teams Telekom und wird erst am Ostermontag bei "Rund um Köln" wieder im Rennsattel sitzen. Anschließend steht die italienische Etappenfahrt "Settimana Ciclista Lombarda" auf dem Programm des Olympiasiegers. Die Baskenland-Rundfahrt sei für seinen derzeitigen Leistungsstand zu schwer, heißt es. "Die Form könnte schon etwas besser sein", gibt Rudy Pevenage zu. Schließlich hatte sich Jan Ullrich selbst vorgenommen, im April nicht nur hinterherzufahren.

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