Sport : 90 MINUTEN MIT Andreas Thom

Wie der neue Hertha-Trainer sein erstes Spiel erlebte

Stefan Hermanns

Die Ersatzspieler müssen heute leider einen Umweg nehmen. Mehr als 20 Fotografen lauern an der Seitenlinie und versperren ihnen den direkten Zugang zu ihren Sitzplätzen. Herthas Ersatzleute gehen im großen Bogen um den Pulk herum. Das Motiv für die Fotografen lässt lange auf sich warten. Vielleicht hat Andreas Thom (Foto: AP) gedacht: Je später ich komme, desto schneller ist die ganze Prozedur für mich vorüber.

Herthas neuer Trainer drängt sich nicht in die Öffentlichkeit. Es ist schon zwei Minuten vor halb vier, als er durch den Gang auf den Platz kommt. Die Blitzlichter blitzen.

Thom stellt sich vor seinen Platz auf der Bank, macht zwei Schritte nach rechts. Wahrscheinlich ist es die Macht der Gewohnheit. Bisher war Thom immer nur der Kotrainer und der Platz ganz außen für seinen Chef reserviert. Doch jetzt ist Thom selbst der Chef. „Die Anspannung war schon groß“, sagt er später.

Aber Thom hat es sich schnell bequem gemacht auf dem ungewohnten Platz. Er sitzt jetzt. Neben ihm sitzt Enver Maric, früher Torwart-, nun Kotrainer, und erst zwei Plätze weiter hat sich Manager Dieter Hoeneß niedergelassen. In der ganzen ersten Halbzeit steht Thom nur einmal auf , als ihm Thomas Frank, der lange Linienrichter, den Blick versperrt. „Er ist ein ruhiger Mensch“, sagt Pal Dardai über Thom. „Aber er hat auch eine super Ausstrahlung wie wenige.“ Vielleicht braucht der Trainerneuling auch einfach eine gewisse Zeit, um in seinem neuen Job richtig anzukommen. Die zweite Halbzeit hat gerade begonnen, als Niko Kovac durch die Dortmunder Hälfte stürmt, hinein in den Strafraum, von zwei Abwehrspielern bedrängt wird und stürzt. Auf Herthas Bank springen alle auf, auch Thom. Elfmeter gibt es trotzdem nicht.

Trainer müssen anders reagieren als Spieler. Immer ein wenig gebremst, sie dürfen sich nicht in Emotionen verlieren, nicht in guten Zeiten und auch nicht schlechten. Als das 1:0 für die Dortmunder fällt, hat Thom die Befürchtung, dass der Gegner „uns den Gnadenstoß versetzt hat“. Aber Herthas neuer Trainer hält sich nicht lange damit auf, sondern nutzt gleich die günstigen Gegebenheiten im Dortmunder Westfalenstadion zur prompten Videoanalyse. Auf der Anzeigetafel wird der kuriose Treffer durch Leandro noch einmal gezeigt. Abgefälscht oder nicht? Thom hat es nicht gesehen, weil er gerade an der Seitenlinie stand, um den Ersatzspieler Nando Rafael heranzuwinken.

Es zählt zu den Mysterien des Fußballs, dass die verunsicherten Berliner anschließend nicht zusammenbrechen. Anstatt zu verlieren, schafft Hertha durch Alexander Madlung noch das 1:1. „Ich habe keine richtige Erklärung, warum es so passiert ist“, sagt Thom, „aber ich bin natürlich dankbar dafür.“ Am Ende des Spiels gibt er allen Ersatzspielern die Hand, dann geht er aufs Feld und beglückwünscht seine Mannschaft. Herthas Fans auf der Nordtribüne haben das Mysterium inzwischen entschlüsselt: „Wir woll’n den Andy seh’n“, singen sie.

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