Sport : 90 MINUTEN MIT Carsten Ramelow

Wie Bayers Kapitän das Spiel gegen Lautern erlebte

Christoph Bertling

Mit dem Pausenpfiff hatte Carsten Ramelow (Foto: dpa) die zitronengelbe Kapitänsbinde von Bayer Leverkusen sofort von seinem Oberarm gestreift, um sie wegzuschleudern. Doch dann war er doch noch mal an den Mülleimern vorbeigestapft und hatte sie in der Hand behalten. Noch einmal hatte er Frust und Enttäuschung runter geschluckt.

0:1 stand es nach 45 Minuten gegen Kaiserslautern im ausverkauften Fritz-Walter-Stadion, und ganz unschuldig war Ramelow daran nicht gewesen. Der quirlige Lauterer José Dominguez war auf der linken Seite in der 40. Minute enteilt und hatte den Ball hoch auf Kloses Kopf geschlagen, der darauf unbehelligt einnickte. Ramelow war mit seinen semmelblonden Haaren hilflos in der Mitte der Abwehr gestanden und war schonungslos ausgespielt worden. Später schimpfte Bayer-Trainer Thomas Hörster: „Lokvenc und Klose waren uns im Kopfball total überlegen." Und immer war es Ramelow, dem sie den Ball wegköpften.

Fehlende Einstellung konnte man Ramelow dabei nicht unterstellen. Viel, vielleicht sogar zu viel, hatte er sich vorgenommen für dieses wichtige Abstiegsduell gegen den 1. FC Kaiserslautern, das Bayer 0:1 verlor. Als neuer Führungsspieler hatte er sich erst diese Woche ins Gespräch gebracht. Als Zeichen seiner bedingungslosen Bereitschaft hatte er beschworen: „Ich bleibe auch, wenn wir absteigen.“ Und das, obwohl er dann wohl der einzige deutsche Nationalspieler in der Zweitklassigkeit wäre.

So war er hoch motiviert vor ausverkaufter Kulisse aufgelaufen. Und dann ging doch alles schief. Unbeholfen stand er vor der Abwehr, zupfte sich immer wieder nervös am Ärmel und strich sich durchs Haar – als könne er alles einfach nicht fassen. Statt seinem Führungsanspruch gerecht zu werden, symbolisierte der 29-Jährige die momentane Hilf- und Orientierungslosigkeit der Mannschaft.

Er hatte wenigstens ordentlich begonnen. Aber er konnte seinen Willen nicht auf die anderen übertragen. Keiner seiner Kollegen sah hin, wenn er wild mit Händen und Armen gestikulierend etwas forderte. Und so kam in der zweiten Halbzeit auch der Frust mit ins Spiel. Hart setzte er seine Attacken gegen den Gegner an, rannte viel und erreichte nichts. Auch seine letzten krampfhaften Versuche, zum Ende der Partie die Stürmer mit guten Flanken zu füttern, verpufften in der Bedeutungslosigkeit. Es war zu spät. Und so hatte er am Ende, als 90 Minuten vorbei waren und die Niederlage feststand, die Kapitänsbinde vom Arm gestreift, mit ihr den Mund abgeputzt und sie ins Gras gelegt.

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