Sport : 90 MINUTEN MIT Ciriaco Sforza

Wie Lauterns Mittelfeldspieler das Spiel in Rostock erlebte

André Görke

Im Rostocker Ostseestadion ist es verdammt frisch. Auf der Tribüne sitzen Menschen in dicken Jacken. Unten, auf dem Rasen, da steht Ciriaco Sforza (Foto: Imago). Er trägt an diesem Nachmittag ein kurzärmliges Trikot, das des 1. FC Kaiserslautern. Nur Mario Basler und Thomas Riedl sind genauso mutig.

Vielleicht ist die Geschichte so zu erklären, dass Sforza bisher einfach noch kein langärmliges Trikot benötigt hat. Vor sechs Wochen, als es noch warm war, hat Sforza sein letztes Bundesligaspiel bestritten. Das Auswärtsspiel gestern in Rostock – es war sein Comeback. Anpfiff. Der Spielmacher motzt, die Kommandos sitzen.

Ein Mann wie Sforza hat ihnen in Kaiserslautern gefehlt, er ist einer, der lenkt. 79 Länderspiele hat er bestritten. Seine Erfolge: ein Weltpokalsieg, ein Uefa-Cup- Sieg, zwei deutsche Meisterschaften. In der Schweiz wurde er zweimal zum Fußballer des Jahres gewählt. In Kaiserslautern aber hat er Probleme: Der frühere Klubchef Jürgen Friedrich hat ihm den Job des Sportdirektors versprochen. Die Sache hat einen Haken: Außer Friedrich wollte ihn niemand haben. In der Pfalz meuterten sie. „Das war eine Hetzkampagne“, sagte Sforza und wurde krank: Fieber. Vor zwei Wochen tauchte er bei den Amateuren auf. In der Regionalliga.

Rostock ist ein anderes Kapitel. Es geht nicht mehr um den Menschen Sforza – es geht um den Fußballprofi. Kaiserslautern ist tief gefallen, bis auf den vorletzten Tabellenplatz. Sie brauchen sein Potenzial. Sforza aber kommt nur langsam ins Spiel. Rostock drückt, Sforza versucht das Chaos zu ordnen. Abspielen! Aufrücken! Ruhiger! Wenn er die Arme hebt und wie ein Verkehrspolizist auf dem Platz steht, zieht er eine imaginäre Linie. Bis hierhin, heißt das.

Nach zehn Minuten hat Kaiserslautern die Taktik der Rostocker kapiert. Der Ball läuft besser, auch über Sforza. Seine Pässe sind schnell, direkt. Sforza ist der Koordinator. Nach einer Viertelstunde bekommt Rostock einen Freistoß: Sforza hebt den Arm, lässt sich von Torhüter Koch dirigieren. „Nach rechts! Nach rechts!“, brüllt Koch. Sforza tippelt Zentimeter für Zentimeter, dann gibt Koch sein Okay. Der Ball fliegt trotzdem über die Mauer zum 0:1 ins Tor. Fünf Minuten später erzielt Lokvenc den Ausgleich. Sforza schreit, jubelt und rennt – zu Grammozis. Der hatte die Flanke getreten. Nach einer halben Stunde teilt Sforza das erste Mal aus: Er rutscht dem Rostocker Aduobe in den Knöchel. Sforza sieht die Gelbe Karte. Entschuldigen? Sforza winkt ab.

Nach einer Stunde schießt er das erste Mal auf Rostocks Tor. Der Ball rauscht vorbei. Seine Kollegen applaudieren, Kaiserslautern drückt gewaltig. Doch irgendetwas ist immer im Weg. Hansa erzielt das 2:1. Sforza steht am Mittelkreis, die Arme in der Hüfte verschränkt. Er schreit, brüllt. Dann schweigt er. Fünf Minuten später schafft Lautern den Ausgleich. Sforza ist körperlich am Ende, die Schritte werden langsam. Er lächelt nicht mal, als er in die Kabine geht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar