Sport : 90 MINUTEN MIT Eidur Smari Gudjohnsen

Wie Islands Kapitän das Länderspiel in Hamburg erlebte

Stefan Hermanns

Für Eidur Smari Gudjohnsen war es ein ungemütlicher Tag. In der 31. Minute bekommt er das zu spüren, als er den Ball an Frank Baumann vorbeilegt, und Baumann dafür Gudjohnsen auf den Rasen legt. Eine solche Überschreitung der Legalität ist als letztes Mittel gegen Gudjohnsen nicht nur manchmal erforderlich, sondern sogar ausdrücklich erwünscht. „Der Christian Wörns muss am Anfang mal hinlangen und dem gleich den Spaß verderben“, hat Bernd Schneider vor dem abschließenden EM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Island gesagt. Im Zweifel muss Gudjohnsen gestoppt werden. Egal wie. Nur gibt es an diesem Nachmittag keine Zweifel.

Als die 90 Minuten von Hamburg vorbei sind, hat der isländische Nationalstürmer vom FC Chelsea öfter selbst gefoult, als dass er gefoult wurde. Die deutschen Abwehrspieler haben Regelverstöße nicht nötig, weil die 90 Minuten des Eidur Smari Gudjohnsen auch die 90 Minuten des Christian Wörns sind. Teamchef Rudi Völler nennt die Leistung des Dortmunder Verteidigers nach dem Spiel „absolute Weltklasse“. Fast immer ist Wörns vor Gudjohnsen am Ball, und nur ein einziges Mal kann sich der Isländer im Zweikampf gegen einen deutschen Widersacher durchsetzen – in der letzten Minute, irgendwo im neutralen Mittelfeld.

Die Deutschen haben viel Respekt vor diesem Stürmer gehabt. So viel Hochachtung ist einem gegnerischen Angreifer zuletzt vor zwei Jahren entgegengebracht worden, als die Nationalmannschaft gegen die Ukraine spielte, man aber vorher den Eindruck gewinnen musste, als bestehe deren Mannschaft ausschließlich aus Andrej Schewtschenko. Gudjohnsen spielt so ähnlich wie der Ukrainer. Er ist schnell und kommt am liebsten aus der Tiefe des Raumes. Gegen Deutschland aber schießt er nur ein Mal auf das Tor von Oliver Kahn. In der 27. Minute überwindet er den Torhüter, allerdings stand er zuvor im Abseits. Gudjohnsen sieht für seinen Torschuss die Gelbe Karte.

Bei den Angriffen der Deutschen ist Gudjohnsen der einzige Isländer, der nicht an den eigenen Strafraum zurückrückt. Er wird vorne gebraucht, für die Konter, die die Deutschen aber kaum zulassen. Trotzdem ist es Gudjohnsen, der in der 15. Minute mit einem Pass am Strafraum Islands erste Chance durch Helgi Sigurdsson einleitet. Dessen Schuss geht über das Tor.

Schon mit 25 Jahren ist Gudjohnsen Kapitän der Nationalmannschaft – nicht weil er der älteste Spieler ist oder die meisten Länderspiele bestritten hat. Gudjohnsen ist ganz einfach Islands bester Fußballer, der einzige von internationaler Klasse. Die Diskrepanz zwischen Eidur Smari Gudjohnsen und dem Rest der Mannschaft lässt sich am besten mit einer Szene kurz nach der Pause illustrieren. Islands Kapitän wird an der Seitenlinie angespielt, und trotz arger Bedrängnis leitet er den Ball aus der Luft und mit der Hacke auf Indridi Sigurdsson weiter. Der läuft unbehelligt durchs Mittelfeld, stolpert, strauchelt und fällt in den Acker von Hamburg-Stellingen.

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