Sport : 90 MINUTEN MIT Fredi Bobic

Wie Herthas Stürmer das Spiel gegen Hannover erlebte

André Görke

Deutschland, Berlin, im Olympiastadion passiert um 15.44 Uhr das Unglaubliche: Niko Kovac von Hertha BSC springt, köpft, der Ball fliegt in den Strafraum von Hannover 96. Dort steht jetzt Fredi Bobic, fast allein. Er müsste schießen, er schießt, der Ball ist im Tor. 1:0. Das erste für Hertha BSC, das erste von Fredi Bobic (Foto: AP).

Der Nationalspieler schreit nach dem Tor den Frust heraus. Bobic schlägt mit der Faust in die Luft, er tritt gegen eine Werbebande. Die Kollegen halten Abstand. Nur Minuten später, 15.51 Uhr: Es kommt noch besser. Herthas Alexander Mladenow dringt von links in Hannovers Strafraum ein, schießt, Torwart Ziegler wehrt den Ball ab – genau vor die Füße von Bobic. Der muss nur die Innenseite seines Fußes hinhalten, wieder ist der Ball drin. 2:0 für Hertha. Bobic hebt den linken Arm, streckt seinen Zeigefinger aus und rennt zur Eckfahne.

Zwei Tore also. Endlich. Dafür hat ihn Hertha unter Vertrag genommen. Doch in den ersten vier Spielen lief nichts, Bobic enttäuschte. Am Mittwoch traf er für die Nationalmannschaft, jetzt gleich zwei Mal. Der Durchbruch?

Bobic ist die vorderste Spitze im Angriff von Hertha. Auf links stürmt Mladenow, auf rechts Wichniarek. Wenn Bobic die beiden in Szene setzt, sieht das so aus: Einwurf, Bobic sprintet dem Ball entgegen, hebt den rechten Fuß und spielt den Ball dann mit der Innenseite an seinem linken Hüftknochen vorbei. Besonders schwer ist das nicht, beachtlich ist nur, dass an diesem Nachmittag jeder dieser Pässe ankommt.

Bobic ist der Chef. Er hat 236 Spiele in der Bundesliga absolviert, 28 für die Nationalmannschaft. Als Mladenow einen Hannoveraner foult und attackiert wird, rennt Bobic los, schiebt erst Mladenow beiseite, dann die Spieler von Hannover. Bobic sorgt für Ordnung – nicht für Ruhe. 38. Minute: Hannover kommt besser ins Spiel, Hertha steht zu defensiv, Bobic bekommt keine Bälle im Angriff. Plötzlich schreit er, reißt die Arme vom Körper weg – und wieder ran. „Aufrücken!“ soll das heißen.

In der zweiten Halbzeit dann: Hannovers Vinicius klärt mit der Schulter auf der Torlinie. Bobic schreit: „Hand!“ Als der Schiedsrichter nicht pfeift, klärt er die Sache auf seine Art und holt Vinicius von den Beinen. Der Schiedsrichter bittet um Ruhe. Bobic nickt – und geht fluchend weiter.

69. Minute, der 2:2-Ausgleich: Bobic steht am Mittelkreis, die Hände auf den Hüftknochen, er schweigt. Vielleicht ist das das Schlimmste: Wenn Bobic schon schweigt, haben sich die anderen aufgegeben. Hertha spielt schwach. Bobic lauert, hilft bei Standardsituationen – hinten. Doch vorn kommt kein Ball mehr an. Das Spiel läuft an Bobic vorbei.

Er hat seinen Job gemacht: zwei Tore. Aber jetzt ist er genauso gelähmt wie die Kollegen. So ängstlich, so verzweifelt. Hertha liegt 2:3 hinten, nichts geht mehr, dann endlich: Abpfiff. Es ist wie eine Erlösung.

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