Sport : 90 Minuten mit Huub Stevens

Markus Hesselmann

Am Anfang, wenn die Mannschaften einlaufen, wird auf Schalke immer Status quo gespielt. Ein paar Takte Gitarrenrock aus den Siebzigerjahren. Geradeaus. Ohne Schnickschnack. Das ist so auf Schalke. Status quo halt. Auch dieses Mal, beim Spiel gegen die Bayern. Doch dieses Mal ist auch alles anders. Auf dem Stadionheft, dem "Schalker Kreisel", ist der neue Trainer zu sehen. Frank Neubarth ist schon da. Im Sommer soll er Huub Stevens (Foto: dpa) als Cheftrainer ablösen. Wenn Stevens überhaupt so weit kommt. Denn auf Schalke hörte man in diesen Tagen nur wenige Stimmen, die dem Holländer zutrauen, dass er bis dahin durchhält. Zu unwürdig war das Schauspiel um seinen Wechsel zu Hertha BSC. Hat er doch schon früher mit den Berlinern verhandelt, als er zugeben will? Hat der "Gouda-Guru" ("Schalker Kreisel") mit Schalke schon abgeschlossen? Zu tief ist das Misstrauen der Fans, als dass sie jetzt eine Niederlagenserie tolerieren würden. Zu groß wäre dann der Druck auf das Management. Und Stevens müsste wohl vorzeitig gehen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Erst gerät man unter Druck, und dann kommen auch noch die Bayern. Stevens steht in Feldherrnpose am Spielfeldrand, während sich seine Spieler aufwärmen. Schalkes Manager Rudi Assauer hat sich neben ihm aufgebaut. Demonstrativ. Das ist unser Mann. Wir bringen das hier zu einem guten Ende, hat Assauer angekündigt. Die Fans bleiben ruhig. Eine Art Stillhalteabkommen. Keine Sprechchöre gegen Stevens, aber auch keine aufmunternden Worte für den Mann, der mit Schalke den Uefa-Cup und den DFB-Pokal geholt hat und im vergangenen Jahr nur so knapp an der Meisterschaft gescheitert ist.

Drei Herren zwängen sich auf die kleine Schalker Bank. Assauer ist immer vorn mit dabei, rechts neben Stevens. Links neben Stevens sitzt dessen Assistent Holger Gehrke. Dem hat Assauer in seiner charmanten Art gerade die nötige Klasse abgesprochen, um Cheftrainer zu werden. Nun geht auch Gehrke nach Berlin. Wie immer qualmt Assauer seine teuren Zigarren. Von der Schalker Bank steigen weiße Wölkchen auf. Wir haben einen Trainer.

Vielleicht ist es ja gut, dass die Bayern da sind. Denn die geben für die Schalker Fans ein besseres Feindbild ab als der eigene Trainer. Und dann spielen die Bayern auch noch so schön mit. Nach gut einer halben Stunde liegt Schalke 2:0 vorn. Die Szene betritt Karlheinz Neumann, der Mannschaftsbetreuer, das Schalker Unikum, das hier nur Charly gerufen wird. "Huub, dat packen wir", raunt er dem Trainer ins Ohr. "Die reißen sich heute den Arsch auf. Für dich." Schwer lastet Neumanns Arm auf der Schulter des spröden Stevens. Der hat nur kurz gejubelt bei den beiden Toren. Alle tanzen, einer sitzt. Stevens macht sich Notizen. Geschäftsmäßig. Das ist nach jedem Tor so, auch nach dem 5:1 noch.

Der Jubel des Trainers bleibt knapp - auch in dem Moment, als der große Sieg feststeht. Stevens gönnt sich die Becker-Faust, mit der Deutschlands Tennis-Idol einst seine Siege beging, und applaudiert seinen Spielern. "Sie haben die richtige Antwort gegeben", sagt Stevens. Die richtige Antwort auf das, was der Gerechtigkeitsfanatiker Stevens als ungerechte Verdächtigung empfand. Mit Assauer klatscht er sich ab unter Männern. Umarmt wird Stevens nur von Charly Neumann. Dann verschwindet der große Sieger des Tages im Stadionkeller. Die Spieler lassen sich allein feiern. Was denken sie jetzt über ihren Trainer? "Der Trainer muss bleiben", sagt Ebbe Sand. Hertha kann warten.

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