Sport : 90 MINUTEN MIT Huub Stevens

Wie Herthas Trainer das Spiel in Rostock erlebt hat

Mathias Klappenbach

Irgendwie muss er es geahnt haben. Als Huub Stevens (Foto: ddp) nach 30 Minuten von seiner Trainerbank aufsteht, liegt der Ball hinten in der Hälfte von Hertha BSC. Der Trainer verfolgt regungslos eine halbe Minute lang das Spiel, dann ruft er ein paar Anweisungen aufs Spielfeld. Gehört hat die wahrscheinlich keiner, aber ein paar Sekunden später trifft Luizao ins Tor der Rostocker. Auf der Bank springen alle auf, als Stevens bereits seine rechte Faust in den Himmel reckt. Manager Dieter Hoeneß klopft ihm auf den Rücken, bevor beide wieder ihre Plätze einnehmen.

Beide hatten auch vor dem Anpfiff auf dem Weg zur Trainerbank gemeinsam den Rasen überquert. Der Niederländer hatte sich bei den Fans bedankt, die statt „Stevens raus“ nur „Hertha, Hertha“ riefen. Als ihm eine Decke angeboten wird, schaut er nicht einmal auf. Und auch nach dem Anpfiff vermittelt Stevens zunächst den Eindruck, sich dem Schicksal ergeben zu wollen. Den Körper leicht nach vorne gebeugt, den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern versteckt, verfolgt er nahezu regungslos das Spiel.

Wenn Rostock gefährlich vor das Tor der Berliner kommt, lehnt er sich zurück und versinkt halb in seinem Sitz, bis die Gefahr vorüber ist. Nur einmal, als Fredi Bobic nach 13 Minuten eine große Chance vergibt, hält es Stevens nicht auf seinem Platz, er tobt für ein paar Sekunden aufgeregt an der Seitenlinie herum. Die rechts und links von ihm lauernden Fotografen haben endlich ihr erstes gutes Bild. Das zweite gibt es gleich danach, als er nach einer weiteren vergebenen Chance die Hände vors Gesicht schlägt. Doch die Mannschaft kommt besser ins Spiel, und mit ihr auch Huub Stevens.

Zur Freude der Fotografen geht er immer aus sich heraus, gestikuliert wild umher und diskutiert mit seinem Nachbarn Hoeneß über das Spielgeschehen. Nach 70 Minuten wechselt Stevens Luizao aus, bedankt sich bei dem Torschützen per Handschlag und gibt ihm noch einen Klaps auf den Po. Die anfängliche Schicksalsergebenheit ist jetzt nervöser Anspannung gewichen.

Zehn Minuten vor Schluss lässt sich sein Team zu weit in die Defensive drängen. Stevens redet und redet. Zwei Minuten später schreit er. Rafael Nando hat den Ball verloren und setzt nicht nach. Stevens tritt wütend gegen die nächste Werbebande, steht an der Linie und meckert Rafael aus. Fünf Minuten vor dem Ende vergibt Bobic wieder eine Riesenchance, diesmal aber klatscht Stevens in die Hände und signalisiert: „Weiter, weiter!“

Dann der Abpfiff, die Anspannung löst sich auf. Stevens verschwindet in einer jubelnden Traube aus Betreuern, Spielern und dem Manager. Er hat Tränen in den Augen, bedankt sich bei jedem Spieler einzeln. In die Fankurve geht er nicht. Auf dem Weg in die Kabine streicht Stevens einem Balljungen über den Kopf. Der dreht sich irritiert um. Wer war das denn?

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