Sport : 90 MINUTEN MIT Lehmann, Kahn – und Koller

Wie drei Torhüter das Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund erlebten

Daniel Pontzen

Berufskrise, Ehekrise, Sinnkrise – es gibt wenige Teilbereiche im Leben des Oliver Kahn, in denen in dieser Woche keine ernsten Störungen geortet wurden. Und ausgerechnet jetzt kommt Jens Lehmann, der Kontrahent aus Dortmund, der in den letzten Wochen einen Imagewandel zum Positiven durchgemacht hat. Seit’ an Seit’ schreiten sie aus den Katakomben des Olympiastadions. Bevor sie den Platz betreten, gibt Kahn Lehmann die Hand, flüchtig schaut er ihm ins Gesicht. In den ersten Minuten spulen sie ihre Warmhalterituale ab, tänzeln in ihrem Strafraum umher. Lehmann trägt seine neu gewonnene Ruhe zur Schau. Bei seinen ersten Ballkontakten spielt er den Ball gezielt in die Füße der Mitspieler, so, als wolle er sagen: Schaut her, die Selbstsicherheit, das bin ich!

Als die Kameras erstmals auf Kahn zoomen, kniet er mit starrem Gesicht im Gras. Dortmund ist in Führung gegangen, noch ehe sich Kahn beweisen konnte. Lehmann hingegen hat anfangs eine recht angenehme Zeit. Ernst zu nehmende Arbeit hat er nicht, stattdessen pflegt er das Bild der Fleisch gewordenen Souveränität: Einmal verkneift er sich gerade noch einen Protest, einmal wirft er den Ball ins Aus, um die Behandlung des Gegenspielers Elber zu ermöglichen, den er im Vorjahr noch mit einem Ellbogencheck bedacht hatte. Heute soll das anders sein.

Nach der Pause aber gibt es erste Hinweise, dass es sich bei der Selbstsicherheit nur um gut kaschierte Dünnhäutigkeit handeln könnte. Als ihm ein Rückpass entgegenkullert, drischt er den Ball gerade in die Höhe. Kurz darauf verunglückt eine Faustabwehr. Lehmann reklamiert, obwohl der Schiedsrichter ihm einen Freistoß zugesprochen hat. Lehmann sieht Gelb, die Souveränität erhält erste Kratzer. Kahn hat nichts mehr zu tun. Mal tigert er die Torlinie entlang, mal steht er am Mittelkreis. Kahn kann sich nicht beteiligen an der Aufholjagd, doch er treibt die Bayern an, einmal führt er gar einen Einwurf aus. Vermutlich ahnt Kahn, dass noch einiges möglich ist.

Um Lehmann herum steigt die Hektik, doch noch steht er dem Ausgleich im Wege. In diesen Minuten hat Lehmann seine beste Szene, doch sie ist auch der Anfang vom Ende. Mit einem Reflex wehrt er einen abgefälschten Schuss ab, doch dann setzt Elber nach, „und tritt mich ins Gesicht“, wie Lehmann später sagt. Es ist der Moment, in dem der alte Lehmann von ihm Besitz ergriffen hat, der Gereizte, der Unbezähmbare. Als in den nächsten Minuten zwei Tore für die Bayern fallen, ist der Rest seiner Zurückhaltung verbraucht. In Riesenschritten spurtet er zum Schiedsrichter, und noch während er ihm seine Meinung sagt, begreift Lehmann, was er tut. Wieder einmal steht sich Jens Lehmann selbst im Weg. Er sieht Gelb-Rot.

Jetzt kommt Koller. Der lange Dortmunder Stürmer geht zum Seitenrand, reißt Lehmanns dreckiges Trikot an sich und stellt sich ins Borussen-Tor. Dortmund hat schon dreimal gewechselt. Es dauert sechs Minuten, bis ihn die Bayern erstmals fordern. Ein Ball fliegt halbhoch heran, Koller schnappt ihn sich, steht auf, macht flinke Schritte und wirft den Ball ab – als wäre das seine Hauptbeschäftigung. Kahn wundert sich, was da in einiger Entfernung vor ihm passiert. Seine Kollegen tragen den Ball behutsam um des Gegners Strafraum wie eine Kommunionkerze, und wenn sie ihn einmal in den Fünfmeterraum flanken, greift ihn sich dieser ungelernte Hüne. Viermal tut Koller das, ehe er bei einer Dortmunder Ecke seine gewohnte Stärke ausspielen will. Er kommt sogar zum Kopfball, doch Kahn ist zur Stelle. Beim Rückwärtslaufen rammt Koller ungewollt den Schiedsrichter. Im eigenen Tor angekommen, muss er noch einmal zupacken. Ein gewaltiger Schuss nähert sich, doch Koller hält den Ball – er hält ihn sogar fest.

Später wird Jan Koller zum Spieler des Spiels gewählt.

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