Sport : 90 MINUTEN MIT Marcelinho

Wie Herthas Brasilianer das Spiel gegen 1860 erlebte

Sven Goldmann

Es ist kurz vor halb vier, als die Spieler von Hertha BSC und 1860 München den Rasen des Olympiastadions betreten. Marcelinho (Foto: contrast) ahnt wohl schon: Das wird mein Tag, denn das ist mein Gegner. Das ist zunächst nur ein optischer Eindruck, denn die orangefarbenen Schuhe des Berliner Brasilianers passen einfach perfekt zu den Münchner Hemden. Auch im weiteren Verlauf dieses Nachmittags geben sich die Sechziger alle Mühe, dem Berliner Brasilianer bei der Rehabilitation seines postkarnevalistischen Traumas zu unterstützen. Es ist gerade eine Minute gespielt, da hat Marcelinho den Ball zum ersten Mal über die Torlinie getreten. Er jubelt schon mit entblößtem Oberkörper in der Fankurve, da pfeift ihn der Schiedsrichter zurück, weil sein Assistent an der Seite ein passives Abseits gesehen haben will.

Marcelinho ist das egal. Die folgende Stunde wird zur Demonstration eines Mannes, der das Schicksal herausfordert. Der positive Ausgang dieses Dramas deutet sich schon nach sechs Minuten an, als Marcelinho sich selbst ohne Diskussion zum Elfmeterschützen bestimmt und genauso souverän zum 1:0 verwandelt. Nach Preetz’ 2:0 erhöht abermals Marcelinho noch vor der Pause auf 3:0. Erste Sprechchöre sind zu hören.

Marcelinho wirkt verändert, nicht nur wegen des seit kurzem silber gefärbten Haars. Er nimmt sich zurück, fordert nicht wie zuletzt jeden Ball, muss nicht alle Ecken selbst schießen. Er verbringt viel Zeit auf den Außenpositionen, erst links, später rechts. Die Spielgestaltung tritt er an Stefan Beinlich ab, auch Thorben Marx hat mehr Ballkontakte. Marcelinho hebt sich seine Kräfte für die großen Augenblicke auf. Auch das 4:0 von Michael Preetz bereitet er vor, und nach einer Stunde Spielzeit ist das Publikum sicher, dass der alte Marcelinho wieder da ist. Der, dem der Dienst für die Mannschaft über den persönlichen Erfolg geht. Gerade hat der Schiedsrichter einen zweiten Elfmeter für Hertha gepfiffen, Marcelinho hat den Ball schon in der Hand, doch er reicht ihn weiter an Luizao, seinen bislang so glücklosen Landsmann. Luizao verwandelt sicher, es ist sein erstes Bundesligator. Die Kollegen stürzen sich auf ihn, und ganz oben auf der Spielertraube thront ein seliger Marcelinho.

Eine Viertelstunde vor Schluss wechselt Trainer Stevens den Mann des Nachmittags aus. Er macht das, taktisch geschickt, zu einem Zeitpunkt, da es den Brasilianer ganz weit nach rechts verschlagen hat. Marcelinho hat also Gelegenheit, über die volle Breite des Spielfeldes zu traben, und ein Kollege nach dem anderen tritt zur Gratulationstour an. Das Publikum feiert ihn mit Sprechchören, Stevens tätschelt ihm die Wange. Keiner denkt mehr an Karneval.

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