Sport : 90 MINUTEN MIT Marcelinho

Wie Herthas Spielmacher seinen ersten Einsatz nach elf Wochen Verletzungspause erlebt hat

Stefan Hermanns

Es sind die Minuten gleich vor und nach 17 Uhr, als bei Hertha BSC alles zusammenbricht. Erst erzielt Bernd Schneider das 3:1 für Bayer Leverkusen, dann geht der 1. FC Köln sechshundert Kilometer westlich 1:0 gegen den SC Freiburg in Führung, wodurch die Berliner auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga zurückfallen, und gleich darauf wird Herthas letzte Hoffnung ausgewechselt. Sie trägt den Namen Marcello dos Santos, wird Marcelinho (Foto: Wagner) genannt, ist 28 Jahre alt, hat die brasilianische Staatsangehörigkeit und ist ein begnadeter Fußballer. Um 17.01 Uhr verlässt er den Platz, auf dem er zum ersten Mal seit dem 2. August dieses Jahres wieder seiner Arbeit nachgegangen ist.

Die Hoffnung wird früh gefeiert. Um 15.28 Uhr erscheint Marcelinhos Name auf der Anzeigetafel. „Mit der Nummer 10!“, ruft Stadionsprecher Fabian von Wachsmann und macht dann eine Pause. Die Zuschauer klatschen und jubeln. Es ist ein Jubel der Erleichterung. Dass Marcelinho von Anfang an spielt, kommt für die meisten überraschend. Der Brasilianer hatte nur einmal richtig mit der Mannschaft trainiert. Selbst Huub Stevens, der Trainer, hatte einen Einsatz zu Beginn der Woche noch für zu riskant gehalten. Aber die ganze Situation ist für Hertha riskant.

Am ersten Spieltag dieser Saison hat der Brasilianer zuletzt für Hertha BSC gespielt. Genau elf Wochen ist das her. Marcelinho ging mit einer Prellung in die Begegnung, kurz vor der Pause musste er ausgewechselt werden. Die Diagnose: Der schon geschädigte Mittelfuß war gebrochen. An dieser Verletzung leidet Hertha bis heute.

Es läuft die zweite Minute des Spiels, als Marcelinho vor der Haupttribüne zum ersten Mal an den Ball kommt. Die Zuschauer jubeln. Diesmal ist es ein Jubel der Hoffnung. In der Folge wird Marcelinho alle Eckbälle und Freistöße für Hertha treten. Die offizielle Statistik notiert am Ende der Begegnung fünf Torschüsse. Kein anderer der 28 eingesetzten Spieler hat häufiger aufs Tor geschossen. Die Mitspieler suchen Marcelinho schon wieder. Er soll sie packen, mitschleppen, ihnen den Weg weisen – dabei ist der Brasilianer selbst noch etwas wacklig auf den Beinen.

„Er braucht noch einige Wochen“, sagt Stevens. Man sieht das in vielen Situationen: als van Burik einen langen Ball schlägt, Marcelinho aber nicht schnell genug hinterherkommt und der Ball ins Aus rollt; oder bei den vielen Anspielen, die ihr Ziel nicht erreichen; oder in den Zweikämpfen, von denen er die meisten noch verliert.

Bei 75 bis 80 Prozent sieht Stevens Marcelinhos aktuellen Leistungsstand. Herthas Trainer hatte nicht damit gerechnet, dass der Brasilianer überhaupt so lange durchhalten würde. In einer eher skeptischen Rechnung hatte er 45 Minuten eingeplant. Dass diese Kalkulation realistisch ist, zeigen die zweiten 45 Minuten des Spiels. Marcelinho fällt nicht mehr weiter auf. Kurz nach dem 1:1 schlenzt er einen Freistoß über das Leverkusener Tor. Zum letzten Mal macht er sich nach einer Stunde bemerkbar. Schiedsrichter Merk gibt nach einem Foul Freistoß für Bayer, Marcelinho beschwert sich, meckert und sieht die Gelbe Karte. Reden hilft nichts. Das hätten ihm seine Kollegen auch sagen können.

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