Sport : 90 MINUTEN MIT Michael Preetz

Wie Herthas Stürmer das Spiel gegen Bochum erlebte

André Görke

Als Herthas Stürmer Michael Preetz ins Olympiastadion einläuft, heben die Fans in der Ostkurve drei Stofflaken in die Luft. Auf dem ersten Transparent steht „Preetz“, auf dem zweiten „Fußball“, auf dem dritten „Gott“.

Michael Preetz, Fuß-ball-gott.

Anpfiff, Hertha spielt gegen Bochum. 5. Minute: Preetz (Foto: Contrast) schiebt den Ball an VfL-Torwart Rein van Duijnhoven vorbei, die Fans wollen schon jubeln, da schlägt ihn ein Bochumer Spieler gerade noch von der Linie. Preetz rauft sich die Haare. Es wäre sein 85. Bundesligator für Hertha BSC gewesen, den Vereinsrekord hat er eh schon.

Fußballgott haben ihn die Fans nie genannt. Seitdem aber feststeht, dass er seine Profikarriere im Sommer beendet und ohne ihn im Sturm nichts läuft, verehren sie ihn. 18. Minute: Herthas Spielmacher Marcelinho schlägt den Ball in den Bochumer Strafraum, Preetz steigt hoch, köpft – Pfosten.

Zehn Minuten vor der Pause: Der Bochumer Towart will den Ball nicht spielen, steht provozierend untätig im Strafraum. Preetz rennt los, er bedrängt ihn, der Schiedsrichter pfeift. Foul. Preetz lacht. Hey, das war doch nichts!

Mit dem Halbzeitpfiff beginnt der Ärger. Der Schiedsrichter hat Herthas Abwehrchef Dick van Burik vier Minuten zuvor des Feldes verwiesen. Die Berliner Spieler schimpfen, auch Kotrainer Holger Gehrke will dem Schiedsrichter ein paar Takte sagen. Da stellt sich Preetz dazwischen, schickt Gehrke in die Kabine und redet allein mit dem Schiedsrichter. Die Hertha-Fans halten sich zurück, da unten spricht jetzt der Chef. Als Preetz geht, ist es für die Fans wie ein Signal: Sie pfeifen, immer lauter. „Schieber, Schieber“ rufen sie. Michael Preetz ist längst in der Kabine.

Herthas Kapitän gilt als äußerst clever, intelligent. Und weil er sich artikulieren kann, hat er den Spitznamen „Außenminister“ verpasst bekommen. Im Sommer wechselt er ins Management.

Zweite Halbzeit, 58. Minute: Herthas Stürmer Alex Alves flankt von der rechten Seite, Bart Goor verlängert per Kopf, am hinteren Pfosten lauert Preetz. Er nimmt den Ball an, bringt ihn unter Kontrolle, schießt – doch der Winkel ist zu spitz. Bochums Torhüter hält. Vier Minuten später geht Hertha in Führung: Pal Dardai trifft, 1:0. Der Ungar rennt jubelnd in die Kurve, Michael Hartmann hinterher. Als dritter Spieler kommt Preetz herbeigeeilt und nimmt die beiden Spieler in die Arme. Wie ein Vater. Preetz ist 1,92 Meter groß. Er überragt sie beide.

In den letzten Minuten des Spiels muss Preetz in der Defensive aushelfen, er ackert, grätscht, zerrt. Dann die letzte Spielminute: Preetz kracht in der Luft mit Herthas Torwart Gabor Kiraly zusammen, fällt zu Boden und muss behandelt werden. Mit einem Eisbeutel oberhalb der rechten Hüfte geht er in die Kabine. Herr Preetz, was ist los? „Lasst mich!“ Dann fährt er ins Krankenhaus zum Röntgen. Am späten Abend die Diagnose: Rippen– und Beckenprellung.

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