Sport : 90 Minuten mit Sebastian Deisler

Erik Eggers

Konnte es für Sebastian Deisler überhaupt einen geeigneteren Ort geben als den Bökelberg, um erstmals nach seiner langen Knieverletzung volle 90 Minuten durchzuspielen? Nach dem Pfeifkonzert im Olympiastadion musste die Atmosphäre in der Arena, in der er sein erstes Bundesligator geschossen hatte, fast gemütlich wirken. Das Einlaufen Deislers quittierten viele Gladbacher Fans jedenfalls mit warmem Applaus. Es folgte Händeschütteln mit Marcel Witeczek und anderen ehemaligen Kollegen. Erst als die Aufstellungen verlesen wurden, gab es Pfiffe - erneut aus dem Berliner Fanblock, den ein Plakat mit dem Spruch "Ohne Deisler werden wir Meister" zierte.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Seine erste Aktion im Spiel war ein Foul an van Houdt an der eigenen Eckfahne. Im Nachklang des anschließenden Freistoßes fiel das 1:0 durch Ulich. Der Gegenspieler, der an der Strafraumgrenze für jenen Tschechen als zuständig erklärt worden war und zu spät kam? Sebastian Deisler. Eine weitere Szene kennzeichnete die Leistung Deislers in der ersten halben Stunde: Als er den Ball an der Außenlinie mit dem Körper abschirmen wollte, luchste ihn sein Gegenspieler Max Eberl problemlos ab. Es war eine schwierige Rückkehr in den Zweikampfalltag der Liga. Deisler trat auf wie ein Schüler, der nach einem Austauschjahr zurückkehrt in seine alte Klasse und alles dafür tut, nicht aufzufallen, geschweige denn, sich zu melden. Deisler forderte keine Bälle, vermied die Initiative, ging Zweikämpfen aus dem Wege. Seine als Rechtsaußen gedachte Position war zu dem Zeitpunkt alles andere als offensiv ausgerichtet.

Wenn Deisler in dieser Form weiter gespielt hätte - vernichtende Kritiken hätten ihm das Osterfest verhagelt. In der 31. Minute schlug Sebastian Deisler jedoch die Ecke, die zum Ausgleich durch Marcelinho führte. Die Vorbereitung ausgerechnet durch ihn, der mit seinen bis dahin acht Pässen nur einmal seinen Mitspieler gefunden hatte. So ist Fußball: Nur eine Minute später umdribbelte Deisler in fast bewährter Manier selbstbewusst seinen Gegenspieler Markus Münch.

So behäbig die Berliner spielten - wenn sich in der verbleibenden Spielzeit Gefahr für das Gladbacher Tor ergab, dann war Deisler beteiligt. Aber das war ohnehin selten. Die Statistik ist Zeuge: Nur 35 Ballkontakte, und von den 27 Pässen kamen nur 10 an, wo sie ankommen sollten. Was aber zählt, ist der Trend, so dass die engagierte Leistung in der zweiten Halbzeit, in der er zum Schluss gar aus der zentralen Position agierte, dem prominenten Rückkehrer Zuversicht bringt.

Zudem wird Deisler kaum entgangen sein, dass die Berliner Fans in der zweiten Halbzeit nicht mehr gegen ihn pfiffen, auch dann nicht, wenn eine Aktion einmal danebenging. Auch die Aversionen der Fans - sogar gegen jemanden, der für viel Geld und mit großem Brimborium zu den Bayern wechselt - besitzen offenbar eine immer kürzere Halbwertzeit. Sebastian Deisler wird froh sein darüber.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben