Sport : 90 Minuten mit Sergej Barbarez

Daniel Pontzen

Wenn Sergej Barbarez die Möglichkeit hätte, einmal mit Sepp Herberger über dessen angebliche Weisheiten zu plaudern, er hätte sicher ein paar Verbesserungsvorschläge parat. "Das nächste Spiel ist immer das schwerste", hatte der Urvater des Fußballsports einmal voreilig behauptet. Barbarez war an diesem Wochenende anderer Meinung: Das Spiel seines Hamburger Sportvereins bei den Bayern in München, das sei doch leicht für den HSV, man habe nichts zu verlieren.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Während der Seitenwahl geht Barbarez zu acht seiner Mitspieler, schwört sie auf die kommende Aufgabe ein. Und umarmt sie. Jeden einzelnen. Er will gewinnen. Das Spiel wird angepfiffen, endlich. Barbarez orientiert sich gleich in die Spitze. Er will den Ball. So oft es geht. Er soll den Ruf haben, manchmal lustlos zu sein? Unmöglich. Etliche Male lässt er sich zurückfallen, hält die Hände offen vor die Oberschenkel, bis er ihn hat, den Ball. Barbarez macht den Eindruck, als habe er ein Patentrecht angemeldet auf jeden HSV-Angriff. Einmal erkämpft sich sein Sturmpartner Marek Heinz das Spielgerät und erdreistet sich, es nicht zum eigentlichen Eigentümer weiterzupassen. Barbarez stoppt ihn, nimmt ihm den Ball ab, Heinz stolpert. Wäre der nicht sein Kollege, so wäre es ein klares Foul gewesen, gelb-verdächtig.

Der Torschützenkönig der Vorsaison stellt eben Ansprüche beim HSV, nicht nur auf dem Platz. Vier Millionen will er demnächst verdienen. Wenn Barbarez nicht in der Spitze agiert in dieser ersten Halbzeit, verteilt er die Bälle im Mittelfeld, oder errückt in die Abwehr. Am liebsten würde der Bosnier alles spielen. Nach dem Motto: Elf Barbareze müsst ihr sein. Weil das nicht geht, spornt er immer wieder die Kollegen an. Barbarez, der Lustlose? Nein. Bekäme er die Hälfte der Bälle, die er fordert, hätten die ran-Datenbanker einen neuen Rekord verbucht in der ersten Halbzeit dieses Spiels. Einmal grätscht er noch. Die tiefe Furche, die er in den Rasen pflügt, bleibt das letzte, was an einen starken Barbarez erinnert.

In der Pause hat sich Sergej Barbarez ein Trikot mit langen Ärmeln angezogen. Zum Glück trägt er noch die gleiche Rückennummer. So gelingt es den Zuschauern, den 30-Jährigen auch im zweiten Abschnitt zu identifizieren. Anhand seines Spiels ginge dies nicht. Fünf-, sechsmal nimmt Barbarez noch aktiv an dieser Bundesligabegegnung teil. Vier Zweikämpfe bestreitet er, 15 waren es in der ersten Hälfte. Ein Doppelpass mit Heinz misslingt, einen Konter verstolpert er. Dann verliert er die Lust.

"Ich bin Spaßfußballer." So hat sich Barbarez einmal charakterisiert. In dieser zweiten Halbzeit bespaßt er niemanden mehr. Seinen Trainer Kurt Jara nicht, die Zuschauer nicht, sich selbst nicht. Barbarez, der Lustlose? Genau der. Nach den Gegentoren trottet er mit gesenktem Kopf umher. In der ersten Halbzeit hätte er sich aus Wut sein Trikot zerrissen. So kann er es nach dem Spiel immerhin mit Sammy Kuffour tauschen. Er beeilt sich beim Gang in die Kabine. Schließlich ist Kuffours Trikot nassgeschwitzt. Er könnte sich also erkälten.

So bleibt am Ende nur ein schwacher Trost: Immerhin ist es Barbarez doch noch gelungen, den schlauen Sepp Herberger zu widerlegen. Ein Spiel dauert 90 Minuten? Für Sergej Barbarez hat es diesmal nur 45 gedauert.

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