Sport : 90 MINUTEN MIT Stefan Effenberg

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Vielleicht denkt Stefan Effenberg (Foto: Reuters) ja an den Oktober 1990, als er gegen 15.29 Uhr zum letzten Mal das Münchner Olympiastadion betrat. Damals, Deutschland war gerade wieder vereint und Effenberg nach schwachen Leistungen der Buhmann der Medien, sagte er jenen Satz, der sein Image bis heute prägt: „Die anderen sind zu blöd, um Deutscher Meister zu werden.“ Als sich diese Prophezeiung knapp zwölf Jahre später ein weiteres Mal zu bestätigen scheint, kann der Bayern-Kapitän dazu selbst nichts beitragen. Ein Trainingsfoul von Carsten Jancker verhindert sein geplantes Abschiedsspiel.

Als Beweis dafür, dass er entgegen allen Spekulationen tatsächlich verletzt ist, humpelt Effenberg dann auch mühevoll an den Spielfeldrand, um sich zum Abschied einen Blumenstrauß abzuholen. Der ist fast so bunt wie das so genannte „Indianerhemd“ des Bayern-Kapitäns, dessen ungeklärte Herkunft eine Woche lang die Münchner Presse beschäftigt hatte. Den Strauß bringt er noch kurz in die Kabine, bevor er sich - in Zivil, das weiße Hemd über der schwarzen Hose - neben Bernd Dreher und den Übeltäter Jancker auf die Ersatzbank setzt.

Als dann Bixente Lizarazu nach wenigen Minuten direkt vor der Bayern-Bank von einem Rostocker umgetreten wird, zeigt Effenberg keine Reaktion. An seiner Stelle muss Oliver Kahn von seinem Tor fast an die Mittellinie rennen, um den Übeltäter zusammenzustauchen. Nicht in der unnachahmlichen Art des Tigers. Der hätte sich vor dem Gegner groß und mächtig aufgebaut, ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust getippt und drohend gesagt: „So nicht, Freund der Sonne.“

Als Roque Santa Cruz wenig später einen Strafstoß reklamiert, springt der Reihe nach das ganze Personal von der Bank auf, nur einer nicht, der verletzte Kapitän. Als Ballacks 1:0 auf der Anzeigetafel erscheint, greift Nachbar Jancker sich betroffen an den kahlen Schädel. Und Effenberg? Keine Reaktion. Auch nicht, als das 1:0 der Bremer in Dortmund vermeldet wird. Träumt er von seiner Zukunft als Volksheld am Bosporus? Oder fühlt er anhand des schwachen Spiels eine innere Genugtuung darüber, dass die Mannschaft auch ohne ihn schlecht spielen kann? Vielleicht ist der Stratege ja auch einfach damit beschäftigt, was laut Coach Ottmar Hitzfeld sein großes Talent ausmacht: Vielleicht liest Effenberg ein letztes Mal das Spiel.

Tatsächlich greift Effenberg wenig später erstmals in das Gespräch auf der Bank ein: Lässig zurückgelehnt, gestikuliert er mit der linken Hand und erklärt seinen Nebenleuten seine Einschätzung des Spiels. Als wenig später Michael Tarnat jedoch anlässlich eines verzogenen Freistoßes von Mehmet Scholl das Gespräch unter Experten für solche Standardsituationen sucht, ist Effenberg schon wieder wie versteinert.

Steffen Baumgart bringt die Bayern in der 38. Minute mit seinem Eigentor in Führung. Alle Bayern springen jubelnd auf. Effenberg quält sich zeitverzögert aus seinem Sitz hoch, um sich wenig später als Erster wieder zu setzen. Nach dem Pausenpfiff gehen die Spieler in kleinen Gruppen Richtung Kabine, Jens Jeremies winkt freundlich ins Publikum, nur Effenberg schreitet im schwarzen Trenchcoat allein voraus - um nach der Pause nicht wieder zurückzukommen. Sein Platz auf der Ersatzbank bleibt in der zweiten Halbzeit leer. Er setzt sich auch nicht zu den verletzten Kollegen Pizarro und Zickler auf die Tribüne, sondern verfolgt in den Katakomben am Fernseher einsam die Spiele der Konkurrenz. So verpasst er vier Tore und die Ehrenrunde seiner Mannschaft. Er hört auch nicht, wie Oliver Kahn ihn zum Abschied noch einmal als „einen echten Leader“ lobt. Heinrich Geiselberger

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