Sport : 90 MINUTEN MIT Stevens und Götz

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Huub Stevens (links, Foto: dpa) wird jetzt sehr nervös. Dabei ist das Spiel schon zu Ende. Das war schon schwer genug für ihn, diese Niederlage an dem Ort, an dem er künftig Verantwortung trägt. Seine Nachspielzeit wird noch schwerer. Er sitzt ganz allein vorne auf dem Podest in dem hässlichen Raum für die Pressekonferenz. Bis hierher konnte er der verflixten Konstellation aus dem Weg gehen, dass er, Schalkes Coach, immer auch als künftiger Hertha-Trainer gefragt wird. Nun ist er allein, vor ihm fremde Journalisten. Er mag das nicht, er guckt in die Luft, sucht etwas zum Anfassen, findet den Kaffeebecher. Er leidet, minutenlang, eine Ewigkeit, weil Falko Götz (rechts), Herthas Trainer, sich verspätet, weil der seinen Abschied zelebriert, draußen, mit den Fans, und weil sein Manager, Rudi Assauer, der sonst neben ihm sitzt in solchen Momenten, sich schon verabschiedet hat. Und ihn sitzen lassen. „Das hat nichts mit dem Spiel zu tun“, murmelt er und versucht, locker zu sein – es fällt ihm schwer.

100 Minuten zuvor ist er schnell ins Stadion geeilt. Mit Trainingsanzug, ohne feinen Zwirn, der angeblich bei Hertha Pflicht ist. Ein paar Meter weiter steht Götz und hat, sieh mal an, ausgerechnet im letzten Heimspiel den Anzug zu Hause gelassen, hat sich frei gemacht, demonstrativ wohl, mit Turnschuhen, Trainingshose, grauweißem Pullunder.

Als das Spiel beginnt, sitzt Stevens, Götz steht. Es dauert 17 Minuten, bis Stevens nicht nur aufspringt, gestikuliert, sondern wie Götz dauerhaft an der Seitenlinie stehen bleibt. Manchmal sehen sie dann aus wie Zwillinge, verschränkte Arme vor der Brust, verkniffenes Gesicht. Tatsächlich sind sie sich gar nicht unähnlich, wie sie das Spiel erleben, durchleben, wie sie mitspielen. Mit dem Herzen, dem ganzen Körper. Sie drücken es nur anders aus:

Bei Götz geht das so: Wenn es ruhig ist, hat er die Arme vor der Brust, steht sehr breitbeinig. Wenn es eng für Hertha wird, bleibt er so stehen, nur wenn sein Team ein Tor schießen kann oder Fehler macht, springt er hoch, schreit, dreht sich. Als die Tore fallen, jubelt er nur kurz, rennt nicht in den Pulk, sondern verlangt Konzentration.

Stevens wippt immer leicht von vorne nach hinten, wenn er sitzt. Wird es brenzlig, nimmt er die Hände nach hinten, hält die Bank fest umklammert, wenn er steht, klammern sich seine Hände auf dem Rücken fest. Er kann auch hochspringen, fuchteln und schreien. Umso länger das Spiel läuft und umso deutlicher wird, dass Schalke schlecht Fußball spielt, desto weniger nimmt Stevens Einfluss. Und bleibt sitzen.

Nach dem Spiel geht Götz mit der Mannschaft auf die Ehrenrunde, lässt sich feiern, hört zum ersten Mal an diesem Tag „Falko-Götz-Sprechchöre“, sieht die Plakate: „Danke Falko“ oder „Götz muss bleiben“. Kurz vorher haben Fans ein anderes Plakat wohl aus Pietätsgründen eingerollt: „Wir freuen uns auf dich Huub.“

Der eilt so schnell wie er gekommen ist hinaus. Aber er muss sich ja noch stellen, diesen Fragen, diesen Gefühlen. Der Stille hat in diesem Spiel viel geredet, mit Assauer, mit dem Kotrainer, den Auswechselspielern, ununterbrochen. Im Presseraum fällt ihm das Reden schwer. Nein, das war kein normales Spiel für beide. Falko Götz sagt: „Ich gehe nur auf die Ehrenrunde, wenn mir danach ist.“ Zum Abschied war ihm so, „ich bin ja ein Berliner Junge“. Es tut ihm schon weh. Sein schöner, schmerzhafter Abschied. Und Huub Stevens trifft in letzter Sekunde seiner Nachspielzeit auch noch ins Tor. Bald werde er sich mit Falko Götz und mit Jürgen Röber treffen: die wüssten ein bisschen mehr über Hertha BSC. Der Mann hat schon Humor. Armin Lehmann

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