Sport : 90 MINUTEN MIT Thomas Linke

Wie der Münchner das Länderspiel gegen Litauen erlebte

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Mit der Rückennummer 2 läuft einer ins Stadion, der eigentlich gar nicht da sein sollte. Genau genommen ist Thomas Linke (Foto: dpa) aber da, weil andere, die da sein sollten, derzeit verhindert sind. Nowotny, Wörns und Rehmer sind verletzt und werden das noch für unbestimmte Zeit bleiben. Was wiederum nach sich zieht, dass Linke für unbestimmte da sein wird, wenn Teamchef Rudi Völler ruft. So haben es beide vereinbart, nachdem Linke seine Nationalmannschaftskarriere für beendet erklärt hatte.

Nach 40 Spielsekunden hat Linke seinen ersten Ballkontakt. Er tritt einen Freistoß aus der rechten Abwehrhälfte heraus, da, wo er seine Lieblingsposition hat. Nach sechs Minuten hatte Linke den Ball zehnmal berührt – das ist viel für einen Abwehrspieler des WM-Zweiten bei einem Gegner, der auf Platz 98 steht in der Weltrangliste, zwischen Nationen wie Libanon und Armenien. Aber der Gegenspieler des 32-Jährigen ist Litauens Star, wenn man das überhaupt sagen kann. Edgaras Jankauskas heißt der Mann. Er ist einen Kopf größer als Linke und spielt sonst für den FC Porto. Aber Linke ist Deutschlands bester Kopfballspieler. Darauf verlässt er sich. Linke bleibt ruhig, macht das, was von ihm erwartet wird. Er rennt, wenn er rennen muss, er köpft, wenn er köpfen muss, er grätscht, wenn er grätschen muss. Einen einzigen Zweikampf verliert er in der ersten Halbzeit.

In der 14. Minute will er mal was anderes machen. Linke stürmt den rechten Flügel hoch. Keiner seiner Mitspieler war anspielbereit. Die Flanke misslingt. Linke rennt zurück. Beim 1:0 stürmt er nicht nach vorn, um etwa dem Torschützen Ballack zu gratulieren. Linke bleibt stehen. Und klatscht. Thomas Linke hat gelernt, dass es nicht gut ist für einen Abwehrspieler mehr zu tun als nötig. Manchmal, wenn der Ball weit weg ist, wirkt er beinahe teilnahmslos. Doch schon im nächsten Moment kann er die Gefahr um sich herum greifen. Die gegnerische Mannschaft sucht ständig ihren besten Mann, Linkes Gegenspieler. Meist ist Linke eher am Ball, oder Jankauskas kommt nicht an ihm vorbei.

Noch während der Europameisterschaft vor zwei Jahren galt Linke als König der deutschen Rumpelfüßler. Seit der WM ist er so etwas wie der Sicherheitsfaktor in der eigenen Verteidigungslinie. Bayerns Vorstandsvorsitzender Rummenigge hat Linke geadelt mit den Worten: „Er hat eine überragende WM gespielt.“ Und Linke sagte: „Die WM war im Prinzip meine letzte Chance.“ Er hat sie genutzt. Schließlich wollte Linke mehr Zeit für seine Familie haben, mit dem FC Bayern habe er genügend Diensttermine.

Vielleicht denkt er ja noch einmal über ein längerfristiges Engagement in der Nationalmannschaft nach. Während des Spiels gegen Litauen geht das kaum. Sein Gegenspieler ist gefährlich. Außerdem muss er stets aufpassen, mit seinen Kollegen auf einer Linie zu bleiben, um auf Abseits zu spielen. In der 52. Minute klappt das nicht. Poskus trifft den Pfosten. Linke tut so, als sei nichts passiert. Das zeichnet ihn aus. Aus der Ruhe bringt man ihn so schnell nicht. Vorn fällt das 2:0. Linkes Reaktion? Wie gehabt. Das Spiel ist gelaufen. Nach 77 Minuten hat Jankauskas genug und wird ausgewechselt. Linke ist noch lange nicht müde. Er spielt durch. Michael Rosentritt

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