Sport : 90 Minuten mit: Tomas Rosicky

Katrin Weber-Klüver

Als es losgehen soll und alle Spieler im Millerntorstadion auf ihren Positionen stehen, geht einer tief in die Hocke. Inmitten des Mittelkreises sitzt er da, ein schmächtiger Kerl mit strähnigen Haaren, die in ein freundliches Jungengesicht fallen, und guckt schnurgeradeaus zum Anstoßpunkt. In diesem Moment könnte man meinen, Tomas Rosicky nehme Kontakt zum Ball auf und versuche herauszufinden, wie es heute, bei seinem 23. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund, laufen werde.

Es gibt Spieler, die ein besonderes Verhältnis zu ihrem Spielgerät haben. Rosicky ist so einer, bei ihm heißt das: er lässt den Ball laufen, und das tut er schnell und präzise, egal ob mit einem geschobenen Kurzpass oder einer weiten Flanke, die er über das halbe Spielfeld einem der Stürmer in den Lauf timt. So bestimmt Rosicky, der gerade einmal 20 Jahre alt ist, den Rhythmus des Dortmunder Spiels. Von zwei Dutzend Passvariationen Rosickys an diesem Tag kommen nur drei nicht bei einem Mitspieler an. Ein wenig mag zur Präzision auch beitragen, dass Rosicky nur selten von einem seiner wechselnden Gegenspieler bedrängt wird. Wenn sie ihren vornehmen Abstand aufgeben, wird es ab und an unfair. Dreimal wird die Nummer 10 gefoult. Er selbst sieht für ein Foul gegen den Stürmer Rath die zweite gelbe Karte der Saison. Von dieser Szene abgesehen befasst sich Rosicky mit Defensivarbeit nicht sonderlich. Nur bei Standards begibt er sich in den eigenen Strafraum. Oft verfolgt er Hamburger Angriffe vom Zentrum des Spielfeldes aus. Auch bei Dortmunder Angriffen bleibt er diesem Beobachterposten gern treu. Rosickys Spiel an diesem Tag ist kräfteschonend, aber zunächst durchaus effektiv. In der ersten Halbzeit ist er fast jede gespielte Minute am Ball, tritt neun von zehn Ecken, dazu einen Freistoß und eröffnet Amoroso nach 32 Minuten eine Chance, die der Stürmer mit einem Schuss an den Pfosten vergibt. Auch wenn er in Hamburg weder einen Treffer noch eine Torvorlage produziert - eine knappe Stunde sieht es aus, als habe Rosicky alles unter Kontrolle. Er muss dazu nicht einmal mit Worten oder Gesten auf sich aufmerksam machen. Beides ist seine Sache nicht.

Als in der zweiten Halbzeit das Spiel ruppiger wird, bekommt Rosicky Probleme. Er versucht kurzzeitig, aggressiver in die Zweikämpfe zu gehen, aber er verliert sie mehrheitlich. Und er bekommt das Dortmunder Spiel nicht mehr in den Griff, erst recht nicht, als St. Pauli den Anschlusstreffer erzielt. Rosickys Pässe der zweiten Halbzeit sind an einer Hand abzuzählen, Torschüsse oder Vorlagen gibt es keine mehr. Nun wirkt, was vorher nach kontrollierter Präsenz aussah, wie Passivität. Erstmals seit dem 2. Bundesligaspieltag wird Rosicky in der 81. Minute ausgewechselt.

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