Sport : 90 MINUTEN MITEduard Geyer

Wie der Cottbuser Trainer auf der Tribüne in München litt

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Reihe acht, Sitz vier, Ehrentribüne, wenige Meter vom Kanzlerkandidaten entfernt – es gibt unangenehmere Plätze im Münchener Olympiastadion. Für Eduard Geyer (Foto: dpa) war der schwarze Kunststoffstuhl dennoch nicht mehr als ein Platz auf der Strafbank, den er sich durch seine jüngste Schiedsrichterbeleidigung eingehandelt hatte. Dem DFB-Sportgericht war der Geduldsfaden gerissen. Bei den ersten sieben Verurteilungen in den letzten drei Jahren war der Trainer von Energie Cottbus noch mit einer Geldstrafe davongekommen.

Den schwarz-roten Trainingsanzug hat er diesmal nicht an. Mit weißem Hemd, dunkler Jacke und dezenter Brille fällt er nicht auf inmitten der Münchner Semi-Prominenz. Dennoch unterscheidet er sich erheblich: Er ist beschäftigt. Immerzu. Er hat sich einen Block mitgebracht und einen Stift, und schon nach wenigen Minuten benutzt er beides. 35 Meter trennen ihn vom Rasen, doch wer ihn beobachtet, merkt: Ede Geyer ist mittendrin. Der Mann, der Geyers Platz auf der Bank einnimmt, heißt Hagen Reeck und trägt den Rang des Assistenten. Wenngleich es vordergründig nicht so aussieht, ist er das heute auch. „Das werde ich auf meine Art machen“, hat Reeck vor der Partie über das Coaching gesagt, aber das war ein bisschen zu optimistisch.

Nach 13 Minuten kramt Geyer erstmals sein Handy aus der Tasche und wählt die Nummer von Kotrainer Sander, der auf der Ersatzbank sitzt. Ein paar Anweisungen folgen, und als Geyer das Gespräch beendet, geht Sander zur Rasenbegrenzung und ruft Anweisungen auf den Platz. Reeck steht daneben. Drei Minuten später drückt Geyer auf Wahlwiederholung. Es hat den Anschein, als sei diesmal Paulo Rink die Figur am Ende des Kommunikationsflusses. In jedem Fall handelt er in Geyers Sinne. Sekunden später erzielt er das 1:0. Und Geyer? Regungslos.

Während Pressesprecher Gersch und Manager Stabach das betretene Schweigen auf der Ehrentribüne lauthals durchkreuzen, blickt der Trainer gedankenreich aufs Spielfeld. Es folgt ein drittes Telefonat (25. Minute), ein viertes (31.). Geyer spricht schnell und eindringlich, und ein wenig sieht es so aus, als kündige er drohende Gefahr an. Seine Miene wird ernster. Dann wird er deutlicher. Zorn spricht aus seinem Gesicht, die Adern schwellen an, einmal schreit er. Ein hungriger Bullterrier sieht nicht viel unsympathischer aus.

Doch Geyers Vorahnung bestätigt sich. Bayern gleicht aus. Zur Halbzeit schreitet er in die Katakomben. Spätestens jetzt ist Reeck wieder Assistent. Als Geyer nach der Pause gerade wieder auf Platz 4, Reihe 8, sitzt, springen die Menschen vor ihm auf. 2:1 für Bayern. Es folgen ein paar Anrufe, doch die anfallenden Gesprächsgebühren sind eine Fehlinvestition. Seine Mannschaft macht weiter Fehler - einen, den er „nicht mal meiner Frau“ zutrauen würde, wie er später sagt. Aber seine Frau spielt nicht mit. 3:1. Von da an bleibt die Leitung tot. Daniel Pontzen

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