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Interview

Österreich gewinnt nur im Film

Angesichts des drohenden EM-Fiaskos Österreichs ersonnen der Münchner Drehbuchautor Fred Schreiber und der Wiener Regisseur David Schalko für den ORF den Film „Das Wunder von Wien“. Die fiktive Dokumentation erzählt davon, wie Österreich durch eine Aneinanderreihung von Zufällen Europameister 2008 wird. Es wird wohl ein Märchen bleiben.
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Wunderbar. David Schalko und Fred Schreiber machen Österreich zum Europameister - allerdings nur im Film. Foto: ORF, Reinaldo C. H.
David Schalko, Fred Schreiber, Ihr Film lief im österreichischen Fernsehen einen Tag vor dem Eröffnungsspiel. Als alles noch möglich schien.

SCHREIBER: So war es mit dem ORF abgesprochen. Wir sollten dem Zuschauer die EM vor der EM liefern und so die Vorfreude auf das Turnier in Österreich schüren. Schade, nach der Niederlage gegen Kroatien ist das Märchen, das der Film erzählt, fast schon wieder vorbei.

Dieses Märchen lebt ja besonders von prominenten Gesprächspartnern, die kommentieren, als wäre Österreich mit Macht durchs Turnier marschiert. Wie haben Sie Leute wie Beckenbauer, Netzer, Bilic und Hickersberger zu diesem Quatsch überredet?

SCHALKO: Ohne sie hätte der ganze Film keinen Sinn gehabt. Dazu muss man wissen, dass Fred wirklich alle in Frage kommenden Leute ins Drehbuch geschrieben hat, und es dann erst mal Absagen hagelte.

Von wem beispielsweise?

SCHALKO: (lacht) Die Absagen von Pelé und Michel Platini haben besonders weh getan. Aber auch Jens Lehmann, der einen fiktiven Torwartfehler hätte zugeben müssen, und Jogi Löw fehlen eigentlich in der Dramaturgie.

Die Deutschen zeigten also wieder wenig Sinn für Humor.

SCHALKO: Ich kann sie verstehen, Nicht nur, weil diesen Leuten extrem wenig Zeit bleibt, auch, weil ich auch keine Lust hätte, wochenlang wegen eines Films in der „Bild“ durch den Kakao gezogen zu werden. Vielleicht war auch ein bisschen Aberglaube im Spiel und die Angst, dass Dinge, die man vorab beschreibt, nachher in der Realität stattfinden könnten.

SCHREIBER: Löw sagt immer wieder, dass er keine Lust hat, in Politshows aufzutreten oder zu fußballfernen Sachen Stellung zu nehmen. Deshalb mögen ihn die Deutschen auch so.

Die Österreicher waren kooperativer. Hickersberger und zwei Spieler machten mit.

SCHALKO: Wir waren etwas näher an denen dran, aber einfach war auch das nicht. Der ÖFB hat sich sehr schwer getan, ehe sie zwei ganz kurze Interviews mit den Spielern genehmigten.

SCHREIBER: Man muss sich vorstellen, dass wir Hickersberger trafen, als er gerade schwer unter Beschuss war. Österreich war auf der Fifa-Weltrangliste nicht unter den Top 100, hatte gegen Malta unentschieden gespielt und 2:1 gegen Liechtenstein gewonnen. Sehr schwierig.

SCHALKO: Aber dafür hat er sehr langsam gesprochen. (lacht)

Karl Heinz Rummenigge kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er über das Scoutingsystem des FC Bayern spricht und Ihren fiktiven EM-Helden, Peter Hruska, als tollen Fang bezeichnet.

SCHALKO: Er musste sich sehr konzentrieren, damit er nicht vor Lachen explodiert. Aber die Worte sind ihm relativ leicht über die Lippen gegangen.

SCHREIBER: Wir verfolgen beide seit 30 Jahren Fußball und wissen, was ein Mann wie Rummenigge sagen würde, wenn ein Talent von Bayern zum Star wird. Er sagt: „Wir haben frühzeitig seine Talente erkannt.“ Und das sagt er dann eben auch in unserem Film. Rummenigge spricht ja auch gerne darüber, schließlich ist das Scouting-System einer der Unique Sales Points von Bayern.

Haben Sie den Gesprächspartnern den Text aufgeschrieben?

SCHALKO: Teils, teils. Einiges haben wir aufgeschrieben, anderes haben die Leute selbst dazu gedichtet. Manchen hat das solchen Spaß gemacht, dass sie nachher Geschichten erzählten, die völlig den Rahmen sprengten und wir abbrechen mussten.

Wer war besonders lustig?

SCHALKO: Das österreichische Delling-Netzer-Pendant: Rainer Pariasek und Herbert Prohaska. Wir drehten im Studio unmittelbar vor dem Champions- League-Semifinale und wurden exakt eine Minute vor deren Einstieg in die Livemoderation fertig. Die hatten keinerlei Vorbereitungszeit. Man stellte ihnen nur ein Glas Sekt hin, das beide auf Ex austranken, dann ging’s auf Sendung: „Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, und hier kommt schon die Aufstellung der beiden Teams. Wir beide sind auch schon sehr gespannt.“ Herrlich.

Sogar der sonst so verstockt wirkende kroatische Trainer Slaven Bilic lobt ausgiebig Ihren fiktiven EM-Spieler.

SCHALKO: Bilic haben wir reingelegt, denn der wollte nicht mitmachen. Also hat mein Kameramann ihn einfach zu Cristiano Ronaldo anstatt zu Peter Hruska befragt, und wir haben den O-Ton übertragen.

Polens Trainer Leo Beenhakker wirkt in seiner Art ebenfalls überzeugend. Mussten Sie ihn auch reinlegen?

SCHALKO: Beenhakker war das erste Interview. Ich dachte, wenn das so weiter geht, werfe ich hin. Ihn mussten wir eine halbe Stunde im Hotel überreden, weil er immer wieder sagte: „Ich bin kein Schauspieler, und ich bin an so was nicht interessiert.“ Als wir ihn dann soweit hatten, war er super.

Als Deutscher denkt man bei dem Titel „Das Wunder von Wien“ erst einmal an Sönke Wortmanns pathetisches Fußball-Drama „Das Wunder von Bern“ und nicht an ein ironisches Märchen.

SCHALKO: Unser Film hat gerade in den Jubelszenen am Ende auch sehr viel Pathos. Das Satirische erwächst nur daraus, dass die Österreicher gewinnen. Hätten wir den identischen Film über die Deutschen gemacht, es wäre uns als Größenwahn ausgelegt worden.


Das Gespräch führte Tim Jürgens.
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