Tausende Fans schauen Fußball-Bundesliga oder Champions League kostenlos im Internet. Die Klubs sind machtlos.
Dass das Bild am Monitor etwas unscharf ist und der Ton nicht ganz so gut wie beim Fernsehen klingt, stört hier kaum jemanden: Mehrere Tausend Menschen sitzen am Sonnabendnachmittag vor ihren Computern und sehen sich die Fußball-Bundesliga-Konferenz des Pay-TV-Senders Premiere an. Bezahlt hat dafür allerdings keiner von ihnen – die Bundesliga verfolgen sie illegal im Internet. „Alle Spiele, alle Tore“, verspricht ein Premiere-Moderator in der Halbzeitpause. „Alles gratis“, fügt einer der Schwarzseher im Internet-Chat spöttisch hinzu.
Denn was es bei Premiere nur gegen eine monatliche Abo-Gebühr zu sehen gibt, ist im Internet kostenlos. Jedes Wochenende stellen mehrere Dutzend Internetpiraten die Fernsehübertragungen der Fußball-Bundesliga live ins Netz. Die illegalen Sender erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Einer der größten Anbieter verzeichnet mittlerweile rund 25 000 Zuschauer. Mittlerweile gibt es eigene Suchmaschinen für die Fußballsendungen im Internet. Dort waren zuletzt 89 Piratensender mit Live-Übertragungen der höchsten deutschen Spielklasse aufgeführt. „Die Bundesliga stellt das vor ein massives Problem“, sagt Frank Daumann, Professor für Sportökonomie an der Universität Jena. „Die Zuschauer werden sich fragen, weshalb sie für ein Premiere-Abo noch Geld bezahlen sollen, wenn sie die Bilder im Internet gratis bekommen können.“
Die Qualität der illegalen Livestreams ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Während sich Fußballfans lange Zeit fast ausschließlich mit ruckelnden Bildern zufrieden geben mussten, die dazu meistens noch von chinesischen Reportern kommentiert wurden, stellen die Internetpiraten mittlerweile die Originalsendungen von Premiere in hoher Qualität ins Netz. Das bedroht zunehmend das Geschäftsmodell des Bezahlsenders, der vor allem mit der Exklusivität seiner Sportsendungen wirbt – und dafür auch einen hohen Preis bezahlt: 225 Millionen Euro kosten die Bundesliga-Rechte allein für die nächste Saison.
„Ich bin mir sicher, dass Premiere durch die Internetpiraterie Abonnenten verlieren wird“, sagt der Sportrechtehändler Robert Müller von Vultejus. Allein 135 000 Kunden hat der Pay-TV-Sender im vergangenen Jahr bereits verloren – wie viele davon zu Schwarzsehern im Internet wurden, ist nicht bekannt.
Sportökonom Daumann sieht die Fußball-Streams im Netz aber nicht nur als Gefahr für einzelne Sender. „Wenn Premiere-Kunden verstärkt ins Internet abwandern, wird der Sender zukünftig nicht mehr bereit sein, die Übertragungsrechte so teuer zu bezahlen. Das würde die Einnahmen der Vereine erheblich schmälern.“ Ole Jani, Anwalt für Sport- und Urheberrecht, pflichtet ihm da bei: „Der Sport wird darunter leiden, wenn es nicht gelingt, die illegalen Angebote zu stoppen.“
Diese Befürchtung ist mittlerweile auch bei den Sportverbänden weit verbreitet. „Internetpiraterie ist für Sportrechte-Inhaber eine der größten Bedrohungen unserer Zeit“, schrieb die Sports Rights Owners Coalition, eine internationale Vereinigung von Sportverbänden, der auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) angehört, in einem Positionspapier Ende vergangenen Jahres. Die beliebtesten Sportveranstaltungen würden bereits über eine Million Zuschauer auf unautorisierte Internetseiten locken.
In Großbritannien holt die höchste Fußball-Klasse, die Premier League, nun zum Gegenschlag aus. Der Verband will mit einer aufwendigen Kampagne die Politik dazu bringen, Urheberrechtsverletzungen strenger zu bestrafen. Unter anderem fordern die Verantwortlichen, dass Internetprovider auch für die Vergehen ihrer Kunden verantwortlich gemacht werden können. In Deutschland haben Verbandsvertreter und Inhaber der Übertragungsrechte noch keinen Weg gefunden , die Internetpiraterie wirksam zu bekämpfen. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit der DFL, aber eine Lösung für das Problem ist nicht in Sicht“, sagt René Bresgen, Sprecher der Deutschen Telekom, die zurzeit die Bundesligarechte für IPTV hält. Dieses ist mit einem Decoder via TV-Gerät zu empfangen. DFL-Vorstandsmitglied Tom Bender gibt sich kämpferisch. Die Bundesliga verfolge jede bekannte Urherberrechtsverletzung, sagt er. Doch: „Wenn wir einen illegalen Livestream aufgespürt haben, ist der am nächsten Tag oft bereits wieder verschwunden und auf eine andere Plattform umgezogen.“
Unter den Rechteinhabern steigt nun die Angst, die Sportverbände könnten bald ein ähnliches Schicksal erleiden wie schon die Musikindustrie. Deren Einnahmen mit CD-Verkäufen sind aufgrund der Raubkopien im Netz massiv eingebrochen. „Wie die Musikindustrie hat auch die DFL lange Zeit versäumt, ein attraktives, legales Live-Angebot für die Fans im Internet zur Verfügung zu stellen“, sagt Sportrechte-Experte Daumann. Bis heute gibt es keinen offiziellen Anbieter, der die Bundesliga via Web-TV im Internet-Browser überträgt. Ändern wird sich das erst ab der kommenden Bundesliga-Saison. Dann will Premiere erstmals auf seiner Webseite auch einen kostenpflichtigen Livestream anbieten.
Dass die Schwarzseher im Internet irgendwann wieder zu Gebührenzahlern werden, ist allerdings fraglich. Ihre Einstellung offenbarte sich kürzlich beim Bundesligaspiel des Hamburger SV gegen Schalke 04. Als die Hamburger ihr zweites Tor schossen, fiel bei einem der Piratensender für einige Minuten das Bild aus. „Verdammt, jetzt habe ich das Tor verpasst“, beschwerte sich ein HSV-Fan. „Dann kauf dir doch Premiere“, sagte ein anderer Chatteilnehmer. „Guter Witz“, antwortete der Hamburger Fan.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.04.2009)
Kommentare [ 5 ] Kommentar hinzufügen »
Naja, als „Anwalt für Urheberrecht“ muss er das wohl behaupten, er lebt schließlich davon; aber richtiger macht es die Aussage nicht, weil es letztlich (Internet ist international) alle gleichermaßen trifft, d.h. der Pott wird für alle etwas kleiner. Heißt: Die Verbände (in D also die DFL) kann nicht mehr jeden geforderten Preis erzielen, die Sportler werden möglicherweise etwas weniger verdienen, aber warum sollte es dem Sport schaden? Oder hat file-sharing der Musik selber geschadet?
Die Musik-Industrie hat gezeigt, dass der Online-Verkauf von Musik in dem Maße steigt, wie das Angebot attraktiver wird. Dafür waren Gängelung und Kriminalisierung (DRM, also sog. „Kopierschutz“) das falsche Mittel, genau wie unrealistisch hohe Preise. In dem Maße, wie das Angebot stimmt, stimmt auch die Nachfrage, filesharing ging zurück, die Online-Verkäufe stiegen.
Rundfunkgebühren sind zu einem erheblichen Teil wegen des Sports so hoch, gleiches gilt für Prämiere. Selbst Wirte werden arg rechnen müssen, ob sich ein Abo nächste Saison noch lohnt: Noch teurer, noch mehr Zersplitterung des Fußballbetriebes, noch frühere Anstoßzeiten, bedeutet noch ausgedehntere (und frühere!) Öffnungszeiten – das müssen Wirte erstmal finanzieren können. Noch frühere Spiele bedeuten weniger Verzehr (Biere gehen Mittags eher weniger über den Tresen), ggf. wird dennoch mehr Personal am Wochenende benötigt, wenn die Kneipe, die morgens gerade schloss, mittags schon wieder öffnen muss.
Die Musikindustrie musste schmerzlich lernen: Wer den Hals nicht voll kriegt (schlechtes Angebot bei hohen Preisen), den bestraft der Internet-User. Er stellt eigentlich nichts anderes als ein demokratisches Korrektiv dar. Hoffentlich wiederholt der Sport nicht, was die Musik-Industrie erst ganz allmählich auf die Reihe kriegt.
Und der Sport-Industrie(!) gönne ich diese Entwicklung noch mehr als der Musik-Vermarktung.
Dazu kommt noch das diese Rechte auch an u.a. China für teures Geld versemmelt werden. Schaue ich mir im Netz dann diesen Kanal aus China z.B. an, wird es rechtlich sehr schwierig mich zu kriminalisieren. Ich denke aber das ich nichts illegales damit tue.
Ansonsten: Danke für die Tipps, lieber Redakteur !