Die Münchner Klubführung reagiert hart auf Philipp Lahms öffentliche Kritik und verhängt eine Geldstrafe in Rekordhöhe - auch Luca Toni muss zahlen.
Weder Bodentruppen noch die Luftwaffe sind im Einsatz, die Marine ist vorerst mal im Hafen geblieben, und auch die Kavallerie ist nicht ausgerückt. Die Waffen, mit denen beim FC Bayern München derzeit gekämpft wird, sind handelsüblich. Doch auch die können – in der entsprechenden Anordnung – Wunden zufügen. Tiefe Wunden.
Der Rekordmeister liegt nach dem 1:1 gegen Schalke und zwölf Saisonspielen auf Rang acht, sechs Punkte hinter Tabellenführer Bayer Leverkusen, dem nächsten Gast in der Münchner Arena. Das allein ist für den FC Bayern ein mittleres Desaster, vor allem angesichts der immensen Transfergeschäfte, die der Klub mit dem legendären Festgeldkonto vor dieser Saison getätigt hatte. Auch ein neuer Trainer ist an Bord, und Louis van Gaal sagte zum Spiel: „Es fehlten aber immer zwei, drei oder fünf Zentimeter. Das muss sich ändern.“ Regelmäßige Besucher kennen diese Diktion, an diesem Abend interessierte sich überhaupt niemand dafür. Auch Luca Toni, der nach seiner Auswechslung wutentbrannt das Stadion verlassen hatte, war kaum ein Thema.
Das Publikum wartete darauf, wie Uli Hoeneß auf die Worte von Philipp Lahm reagieren würde. Der Vizekapitän des FC Bayern hatte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Missstände bei seinem Arbeitgeber aufgezeigt, die Transferpolitik der vergangenen Jahren kritisiert und erklärt, dass er so etwas wie eine Linie, eine Philosophie vermisse. Und Hoeneß’ Reaktion fiel hart aus. „Sie können sicher sein, dass er dieses Interview noch bedauern wird“, sagte er am Samstag. „Man kann mit uns über alles sprechen, aber bei uns hinter der Tür.“
Am Sonntag ließ der Manager Taten folgen. Am Nachmittag meldete der Klub auf seiner Homepage nicht bezifferte Geldstrafen gegen Luca Toni und Philipp Lahm. Der Verteidiger, der „in eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen“ habe, werde eine Geldstrafe erhalten, „wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nicht gegeben“ habe. „Es ist ein absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Klub, den Trainer und Mitspieler zu äußern“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Karlheinz Rummenigge bei „Sky“. Er sei „enttäuscht, weil Lahm eine besondere Verantwortung für die Mannschaft und den Klub trägt“. Luca Toni habe sich entschuldigt, bei Lahm warte man hingegen noch darauf. „Vielleicht geht er ja noch in sich“, sagte Rummenigge.
Hoeneß holte sogar zum Gegenschlag aus und kritisierte den Fußballer Lahm: „Bisher habe ich auch nichts darüber gesagt, ob er besser rechts oder links spielt. Aber die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat er ziemlich exklusiv.“ Hoeneß führt den FC Bayern seit Jahrzehnten, am 27. diesen Monats ist auf der Mitgliederversammlung seine Inthronisierung zum Präsidenten anberaumt – Lahms kritische Anmerkungen sind dieser Zeremonie nicht unbedingt angemessen.
Und dass dieses Interview nicht, wie beim FC Bayern üblich, über die Pressestelle ging, sondern direkt über Lahm und dessen Berater Roman Grill, einen ehemaligen Bayern-Spieler und Bayern-Angestellten und Beinahe-Sportdirektor beim HSV, all das ist noch mal eine eigene Geschichte, die Hoeneß zu folgenden bemerkenswerten Sätzen veranlasste: „Ich dachte, der will ja auch mal wieder Spieler an uns verkaufen. Das war kein guter Nachmittag für Roman Grill. Das wird den beiden nicht gut bekommen.“
Die Mannschaft wird sich nach Lahms offenen Worten womöglich in zwei Lager spalten: in Van-Gaal-Profiteure wie Kapitän Mark van Bommel und in eine Kritikerfraktion, die Lahm insgeheim recht gibt. Gerade bei den Kollegen der Abteilung Mittelfeld hat sich der Verteidiger natürlich keine Freunde gemacht. Wie auch?, nach solchen Sätzen: „Wen soll man denn da anspielen?“, hatte Lahm im Interview gefragt.
Der Dauerexperte Udo Lattek mutmaßt: „Es kann sein, dass er dadurch jetzt vollkommen separiert ist.“ Es könnte aber noch schlimmer kommen, mutmaßt Lattek: „Wenn’s in der Kabine hart auf hart kommt, dann kriegt er vielleicht mal eins auf die Backe.“ Lahms früherer Kollege Oliver Kahn sieht das alles weniger dramatisch: „Dass man mal aneckt und Tacheles redet, ist eigentlich gang und gäbe. Das setzt auch wieder Energien frei.“
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
Ich find das alles aber sehr spaßig: Einige Zeit lang haben sich die Bayern die Siege schlicht gekauft. Jetzt zeigt sich, daß Geld allein keine gute Mannschaft macht.
Meinungsfreiheit gibt es in Deutschland nicht.
Beruft man sich auf das Grundgesetz, kommt die schleichende Ausgrenzung.
Wer die Wahrheit ausspricht, muss immer ein gesatteltes Pferd neben sich stehen haben (armenisches Sprichwort).
Diese Angelegenheit ist wieder einmal symtomatisch für den Verfall der Grundtugenden. In der Politik wie in der freien Wirtschaft!
ro
Wer das Interview aufmerksam gelesen hat, wird mir sicher zustimmen, dass sich die Kritik von Philipp Lahm zu keiner Zeit gegen den Trainer gerichtet hat. Im Gegenteil, er hat van Gaal ausdrücklich in Schutz genommen.
Dahinter war mehr Intellektualität, als sie die gesamte Führungsspitze des FC Bayen besitzt.
Die Reaktionen zeichnen ein entsprechendes Bild von den mediokren Geisteszustände der Herren Beckenbauer, Rumenigge und Höneß.
Dabei kommt ihnen die Medienlandschaft durch freundliche Einladungen zu Kommentaren entgegen, obwohl sie eigentlich damit vollkommen überfordert sind, da ihnen die praktische neuzeitliche Erfahrung fehlt.
Leider sehen sie dies nicht ein und vergrössern somit den misserablen Zustand im eigenen Lager.
Es wäre gut wenn sie sich endlich in ihren wohlverdienten schweigsamen Ruhestand begeben würden.
Nicht immer denken, man wäre nicht zu ersetzen oder die ganze Welt braucht uns und unseren Sachverstand.
Dann nähmlich würde sich der FC Bayern sehr schnell erholen können.
Das Volk murrt unüberhörbar: Weg mit den Oberen!
Man darf gespannt sein, wie’s diesmal ausgeht.
Seit U.H. diese Aussage mal in einer Talkshow machte, die nachgewiesener Weise auch stimmte, ist dieser Mann in meiner Achtung ganz oben angekommen.
Der "angebliche" Choleriker U. Hoeneß ist nämlich ein sehr sozial engagierter Mensch.
Der mehrfache Millionär Philipp Lahm wird die Geldstrafe verkraften, da bin ich mir sicher. Vielleicht ist er mit gutem Beispiel voran gegangen und die anderen Spieler sollten nachziehen, indem sie reichlich solcher Interviews geben. *g*
Man ist tief rat- und hilflos; zu Recht. Die Rettung aus dem selbst gemachten Desaster würde die Einsicht voraussetzen, dass Profis kleine Kinder sind und keine zerstrittenen Aufsichtspersonen verkraften. Sie werden sonst bockig und schießen vor lauter unterdrückter Wut regelmäßig zwei oder drei Zentimeter neben das gegnerische Tor.
Wie gesagt eine Lösung aus der Krise in nicht in Sicht. Die vielen Präsidenten des honorigen Clubs können ja nicht jeden Schuss daneben mit einer Geldstrafe ahnden; die Konsequent wäre, dass sie demnächst ihre Smokings gegen Trikots wechseln und selber ins Stadion laufen. Eine Rohkostdiät würde sicher die notwenige Verjüngung der alten Herren in Gang setzen.
Oder, einzige Alternative, die ich sehe: sie lassen den Trainer und die Mannschaft mal machen und fahren drei Monate nach Übersee udn machen dort Urlaub. Die Herren müssen mehr relaxen. Vielleicht hilft es ja auch schon, wenn sie sich mehr um ihre Frauen kümmern.
Von manchen Journallisten – und eben auch von Lahm selbst – wurde es schon benannt. Und vortrefflich auf den Punkt gebracht von @lautemann. Die Führung der Bayern hat die Zeichen der Zeit schon vor Jahren nicht mehr richtig erkannt. Im Gegensatz dazu beispielsweise der wirklich alte Sir Alex Ferguson schon. Und dieses mahnt Lahm an.
Das Umfeld des Fußballgeschäfts, aber auch die Art und Weise des Spieles haben sich, teilweise dramatisch, verändert. Mit der Weiterführung früher erfolgreicher Rezepte ist es nicht getan. Denn dann passiert eben das, was seit geraumer Zeit beim FCB passiert. Man rennt hinterher.
Im „normalen“ Leben suchen erfolgreiche Unternehmen die sich dadurch auftuenden Chancen durch flexible Anpassung zu nutzen. Am besten gelingt dies durch eine starke Positionierung, vulgo klares, begründbares und nachvollziehbares Selbstverständnis. Die Führungsriege der Bayern, allen voran meine Lieblingsfigur Rummenigge, waren und sind (bis jetzt) nicht dazu imstande, dieses zu erkennen und in eine klare Linie zu übersetzen.
Das Ziel ist ja schon oft herausgetönt worden: Attraktiven und erfolgreichen Fußball anbieten. Aber wie, auf welchem Weg, mit welchen Mitteln? Darüber herrscht schon viel zu lange Unklarheit.
Philipp, Lahm, unentbehrlich für die Bayern, seit Jahren im Verein, zuverlässig und treu. Wenn einer sein "bayrisches Maul" aufreissen darf, dann wohl Herr Lahm.
Hoeneß fühlt sich derzeit wohl zu beliebt und hat schon die Zeiten vergessen, als er mit Eiern beworfen wurde und täglich ausgebuht wurde, wenn der rot-verschwizte Schädel ins Rampenlich trat. Ein Herr Kahn oder ein Herr Lahm, die seit Jahren das Spiel leben, sollten eher aufmerksam angehört werden.
Tatsache ist ja, dass die Herren Rummenigge und Hoeneß aus einem eher verwelkten Fußball-Zeitalter stammen. Das deren Philosophie nicht stimmt, ist schon seit Jahren klar - die Frage war nur, wann kommt endlich der große EinbruchHoeneß denkt wohl: "alles hat ein Ende, nur die Bayern haben keins". Das passt, wie der Würschtlkönig zu den Bayern - nämlich garnicht!
Ich schlage vor, dass Hoeneß die ausfallenden Stadioneinnahmen zahlt, die wegen seiner Arroganz in den nächsten Monaten einen Verlust in der Bilanz verzeichnen werden.
Arme Bayern mit einem Hoeneß als Vorzeigewurst...
Nein-Lahm muss das intern diskutieren und damit nicht hausieren gehen. Kein anderer Verein würde das dulden und ein LÖW schon mal gar nicht..Wenn nun jeder der knapp 30 Bayern-Spieler mit seinen Ideen und Kritiken an die Öffentlichkeit ginge?- Im Profi-Sport gelten bestimmte Bedingungen-eine Mannschaft ist recht sensibel, nicht leicht zu führen. Eins der wichtigsten Voraussetzungen: dass solche Dinge intern bleiben!-Werder Bremen macht dies in großartiger Manier vor!-Da setzt es auch Geldstrafen, wenn jemand mal daneben liegt!!-
Nein, die Bayern konnten und durften nicht anders reagieren-da diese Summe einem karitativen Zweck zu Gute kommt-ist auch gegen die Form der Strafe nichts einzuwenden..
Vertrag ist Vertrag. Und "sittenwidrig" ist der ganz sicher nicht...
Dass der FC BM einige strategische Fehler gemacht hat, seit Jahren schon-das stimmt-und steht auf einem anderen Blatt. Eben.