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Ruhrpott-Derby

Hallo, Herr Nachbar!

129 Mal berührt, immer was passiert: Die Hassliebe von Schalke und Dortmund setzt größte Emotionen frei -Jahr für Jahr für Jahr.
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Leidgeprüft. In jedem Derby kommt es neben riesiger Freude auch zu tiefer Trauer. - Foto: dpa
Gelsenkirchen -  Morgen müssen sie wieder gegeneinander spielen. Zum 130. Mal seit 1925. Um halb vier in der Arena auf Schalke, die gar nicht in Gelsenkirchen- Schalke liegt, sondern im Stadtteil Erle. 40 Kilometer sind es von Dortmund nach Gelsenkirchen, 34 Minuten mit der S-Bahn. Schalke gegen Dortmund, Königsblau gegen Schwarz- Gelb. Es geht um drei Punkte, um die Vorherrschaft im Revier – und für die Schalker um Rache für die vergangene Saison, als sie ausgerechnet in Dortmund den Titel verspielten (und die Dortmunder Spieler T-Shirts verkauften mit dem Slogan: „Meister der Herzensbrecher“).

In Ruhrgebietszeitungen schaltete Schalke gestern Anzeigen: „Herne-West grüßt Lüdenscheid-Nord“. Für die Dortmunder ist Schalke Herne-West – die Schalker nennen Dortmund Lüdenscheid-Nord. Es ist auch mal ein Derby in Lüdenscheid gespielt worden, 2001 im Ligapokal (2:1 für Schalke). Auch eins in Herne. Das war 1947, im Endspiel um die Westfalenmeisterschaft, als die erfolgsverwöhnten Schalker 2:3 gegen die Borussia verloren. Dortmunds heutiger Präsident Reinhard Rauball sagt: „Ausgangspunkt der Rivalität dürfte die totale Schalker Dominanz vor dem Krieg sein – und ihr Trauma vom 18. Mai 1947.“

Der Reihe nach. Das erste Derby steigt am 1925 am Stadtrand von Gelsenkirchen, da ist Schalke 04 gerade 16 Monate alt, jedenfalls unter diesem Namen. Die 1924 vollzogene Abspaltung vom Turnverein 1877 beschert den Schalkern die königsblaue Vereinsfarbe (vorher kickten sie in Rot- Gelb, die Dortmunder kurioserweise in Blau- Weiß, allerdings nur bis 1913). In diesem Ur-Derby von 1925 geht um die Ruhrgaumeisterschaft in der Kreisliga. Schalke siegt 4:2. Einer der berühmtesten Interpreten des Schalker Kreisels steht schon auf dem Platz: Ernst Kuzorra gelingt eines der vier Schalker Tore. Vier Tage später tritt auch sein Schwager Fritz Szepan dem Verein bei. Gemeinsam führen sie Schalke zu sechs Meisterschaften. Weil die Glückauf- Kampfbahn ausgebaut wird, weichen die Schalker in den Dreißigerjahren zu zehn Endrundenspielen ins Dortmunder Stadion Rote Erde aus. Eine Rivalität gibt es noch nicht. Als Kuzorra 1935 eine Sperre absitzen muss, hilft er als Trainer bei den Borussen aus. Fünf Jahre später schießt er vier Tore zum 10:0-Sieg über Schwarz-Gelb.

Der Wind dreht sich. 1943 schafft die Borussia den ersten Sieg über Schalke. August Lenz, Dortmunds erster Nationalspieler, schießt das 1:0 (ein paar Jahrzehnte später tauft die Borussia ihre Geschäftsstelle August-Lenz-Haus). Schalkes Mannschaft kommt in die Jahre. Kuzorra ist 42 und immer noch die dominierende Figur, als es 1947 in Herne um die Westfalenmeisterschaft geht. Im Regen schießt der spätere Schalker Herbert Sandmann kurz vor Schluss das Dortmunder Siegtor. Zum ersten Mal seit 1934 wird Schalke nicht mehr Westfalenmeister, die Spieler boykottieren die Siegerehrung. Die Zeit der Harmonie ist vorbei.

Jetzt regiert Schwarz-Gelb. Dortmund wird zweimal Meister, Schalkes Titelgewinn 1958 ist nur eine Episode, auf die Borussen noch heute gern hinweisen – es ist die letzte Meisterschaft. In der Bundesliga erlebt Schalke 1964 ein Debakel. Nach einer halben Stunde führt die Borussia 6:0. Schalkes späterer Manager Rudi Assauer ist auf Dortmunder Seite dabei, später wird er erzählen, er hätte mit seinen Kollegen mit reichlich Sekt gefeiert – in der Halbzeitpause. BVB-Trainer Eppenhoff ist alter Schalker, angeblich mahnt er seine Spieler zur Zurückhaltung, auf dass Königsblau nicht zweistellig verliere. Am Ende gewinnt die Borussia 6:2, eineinhalb Jahre später heißt es gar 7:0.

Schmerzhaft wird es 1969 für den Schalker Friedel Rausch. Sein Kollege Hans Pirkner hat gerade zum 1:0 in Dortmund getroffen, selige Schalker stürmen das Spielfeld, verfolgt von Schäferhunden, die der Dortmunder Ordnungsdienst losgelassen hat. Die Hunde aber verfolgten nicht die Fans, sondern die Schalker Spieler Neuser und Rausch. Eine sechs Zentimeter lange Narbe auf der Pobacke erinnert Rausch bis heute an dieses Rencontre. Er hält durch, Dortmund schafft ein 1:1. Zum Rückspiel lässt Schalkes Präsident Günter Siebert vor der Seitenwahl zahme Löwen aus einem nahe gelegenem Tierpark aufmarschieren. Was heute kaum noch einer weiß: Siebert, der skandalumwitterte Ur-Schalker, verdingt sich 1973 für ein paar Monate als Manager in Dortmund, als die Borussia in der Regionalliga vor sich hin dümpelt. Zwischen ’67 und ’77 gibt es keinen Dortmunder Derbysieg.

Schalker Chaosjahre

Die Schalker Chaosjahre brechen später an. 1981, ’83 und ’88 steigt der Verein in die Zweite Liga ab. Die großen Derbys finden nicht auf dem Rasen statt, sondern auf der Straße. Auf Schalke verbreitet die „Gelsenszene“ Angst und Schrecken, in Dortmund die „Borussenfront“ um Siegfried Borchardt, genannt „SS-Siggi“.

Mitte der Neunzigerjahre kommt es zu einer kurzen Renaissance der friedlichen Koexistenz aus den Dreißigern. 1997 gewinnt Schalke den Uefa-Cup und kurz darauf Dortmund die Champions League. Die Fans sind selig und rufen „Ruhrpott! Ruhrpott!“ Ein paar Monate später ist alles vorbei, und vielleicht liegt das auch an Jens Lehmann. Im Dezember 1997 verdirbt er als Schalker den BVB-Fans das Weihnachtsfest, als er in der dritten Minute der Nachspielzeit als erster und einziger Bundesligatorwart ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt, mit dem Kopf zum 2:2. 1999 wechselt Lehmann nach Dortmund. Die beschimpfen ihn als „Schalker“, für Schalker ist er ein „Verräter“.

Von 1998 bis 2005 ist Schalke ungeschlagen. Beim 1:0 am 30. Januar 2004 in Dortmund hält Frank Rost zwei Elfmeter, Ebbe Sand erzielt in der vorletzten Minute den Siegtreffer. „Verdammte Scheiße!“, brüllt Stadionsprecher Norbert Dickel im Fan-Radio, und der WDR-Reporter Manni Breuckmann sagt: „In diesem Jahr werden in Dortmund die ersten Kinder eingeschult, die noch nie einen Sieg gegen Schalke erlebt haben.“

Erst im Mai 2005 gelingt der Borussia nach zwölf erfolglosen Derbys wieder ein Sieg. Nach dem 2:1 hängen die Fans ein riesiges Plakat mit dem Spruch „Gelbe Wand Südtribüne Dortmund“ unter ihr Stadiondach. Das Banner verschwindet im November 2006 spurlos. Bis heute hält sich das Gerücht, Schalker Fans wären auf Diebestour gegangen. Die Rache wird fürchterlich. Mit einem 2:0 am 12. Mai 2007 entreißen sie den Schalkern am vorletzten Spieltag die sicher geglaubte Meisterschaft. Über dem Westfalenstadion kreist ein Flugzeug mit dem Transparent: „Ein Leben lang: Keine Schale in der Hand“.
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Kommentare [ 5 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von tanicor tanicor ist gerade offline | 17.8.2007 7:03 Uhr
Das Flugzeug...
...kreiste am LETZTEN Spieltag ueber der Arena auf Schalke, nicht ueber dem Westfalenstadion.

Comment
von geronimovandyk geronimovandyk ist gerade offline | 17.8.2007 14:19 Uhr
Arena
...und die Arena liegt nicht in GE-Erle sondern in GE-Buer!

Und die gelbe Pest soll endlich mit dem Die-haben-unsere-Fahne-geklaut-Gejammer aufhören...Glück auf S04 - Rache ist soooo süüüüß!!!!
Comment
von sven.goldmann sven.goldmann ist gerade offline | 17.8.2007 17:36 Uhr
Erle
Sorry, vor mir liegt ein Stadtplan, der die Arena klar in Ele ausweist, hart an der Grenze zu Buer
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von geronimovandyk geronimovandyk ist gerade offline | 17.8.2007 18:19 Uhr
recht hat er...
Lust ne holländische Friedenspfeife zu rauchen herr goldmann???
wikipedia gibt Ihnen nämlich Recht:

Die Veltins-Arena befindet sich in der geografischen Mitte von Gelsenkirchen auf dem so genannten Berger Feld in Erle, unweit der Grenze zu den Stadtteilen Buer und Beckhausen.

Sorry, für mich war das Berger Feld immer eher Buer. So wie Schloß Berge eben...und das Parkstadion...aber man lernt ja nicht aus....
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von herrwieland herrwieland ist gerade offline | 17.8.2007 19:47 Uhr
Buer i.S.v. nicht GE
Ich mache jetzt mal auf Klugscheisser:

Ihr habt beide Recht. Die Arena liegt im heutigen Gelsenkirchener Stadtteil Erle, richtig. Allerdings ist das heutige Gelsenkirchen aus den beiden früher eigenständigen Städten Gelsenkirchen und Buer entstanden, und Erle war früher ein Stadtteil von Buer. Und wenn einer sagt „in Buer“, dann heisst das erstmal „nicht drüben in Gelsenkirchen“, dann kann es sich aber immer noch um Resse oder Erle handeln ;-)

In Duisburg läuft das übrigens ähnlich bekloppt, mit Duisburg und Rheinhausen ...

Gruß,
Herr Wieland

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