[Kommentare: 6]

Interview

Brussig: "Union kann das St. Pauli des Ostens werden“

Thomas Brussig über den 1. FC Union, DDR-Traditionen im Fußball und Dresdens Aufstieg in die Bundesliga. Ein Interview.
Anzeige
Bild vergrößern
Thomas Brussig, 43, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands. Er wurde für das Drehbuch zu "Sonnenallee" ausgezeichnet. Foto: dpa
Herr Brussig, wann waren Sie das letzte Mal beim 1. FC Union?

Ich war noch nie bei Union. Jetzt kann ich es ja zugeben: Ich hatte mich zu DDR-Zeiten für den falschen Verein entschieden – den BFC Dynamo. Der war besser als Union, also: sportlich besser.

Was wäre denn der richtige Verein gewesen?


Die Unioner sangen jedenfalls viel lustigere Lieder: „Ras, dwa, tri – Russisch lern’ wa nie!“ Und sie hatten mehr Fans; bei den Derbys gegen den BFC standen im Stadion der Weltjugend dreieinhalb Blöcke dicht gedrängte Menschen auf der Union-Seite, beim BFC nicht mal zwei. Die Mannschaft spielte immer zwischen Leben und Tod, aber die Fans liebten sie bei jeder Niederlage nur noch mehr.

Eisern Union, die Schlosserjungs – stimmt denn der Mythos vom Arbeiterklub noch?

So wenig wie bei Schalke oder Dortmund. Auf dem Spielfeld waren sie auf alle Fälle eine Maurertruppe. Ich kann mich erinnern, wie Union nach dem Aufstieg in die Oberliga 1976 gleich zweimal den übermächtigen BFC schlug. Sie führten jeweils schnell 1:0, dann haben sie sich hinten reingestellt. Später hat der BFC diese Duelle 8:0 oder 9:0 gewonnen, aber das hat die alten Schlappen nie aufgewogen.

Am Sonntag spielt Union im Ostderby der Dritten Liga gegen Dynamo Dresden.

Union gegen Dresden: Das hat so etwas wie Gladbach gegen Bayern. Das ist große Tradition – allerdings eine, die sich nach der Wende nicht mehr reproduziert hat. Das ist ja bei vielen Ostduellen im Fußball so. Nach dem Umbruch fanden sie kaum noch statt, genau deshalb werden sie wohl kultiviert.

War Dresden das bessere Dynamo?


Dynamo war als Polizeisportverein verpönt. Aber Dresden spielte ganz ansehnlichen Fußball und produzierte bei seinen internationalen Auftritten nicht so viele Blamagen wie der BFC Dynamo. Und sie hatten eine Menge Nationalspieler.

Als mit der deutschen Einheit Dynamo Dresden und Hansa Rostock in die Bundesliga aufstiegen, sagten alle Dresden eine große Zukunft voraus.


Ich ja auch. Aber dann fiel der Verein in falsche Hände und hat sich bis heute nicht davon erholt. Irgendwelche Unternehmer häuften Schulden an, und die Fanszene rutschte in die Randale-Ecke ab. Rostock dagegen hat immer halbwegs solide gewirtschaftet und wurde für viele zum Ost-Ersatzverein – aber da geht’s ja jetzt auch abwärts.

Dynamo Dresden steckt im Niemandsland der Dritten Liga fest. Wird sich der Verein jemals wieder erholen?

Für mich ist klar: Dresden gehört in die Bundesliga – auch wenn die Mannschaft dazu leider noch nicht taugt. Der Klub hat eine große Geschichte und spielt in einer aufstrebenden Landeshauptstadt. Das alles kann, sagen wir, Hoffenheim nicht bieten.

Gerade wird in Dresden debattiert, dass Dynamo nach Leipzig umzieht, weil sich Stadt und Verein nicht über die finanziellen Konditionen für das neue Stadion einig werden.


Nun, Umzüge von Vereinen sind im Ostfußball nichts Ungewöhnliches. Der Berliner Armeesportklub Vorwärts musste nach Frankfurt an der Oder gehen, und Hansa Rostock erwuchs aus der Verpflanzung eines Klubs aus dem Erzgebirge. Also, das ist so etwas wie Osttradition.

Eine andere Osttradition ist der freiwillige Arbeitseinsatz zum Stadionbau. So macht es gerade Union mit der Alten Försterei, die die Fans selbst sanieren.

Nur diesmal ist der Arbeitseinsatz tatsächlich freiwillig. Wenn man den Unionern früher gesagt hätte, dass sie nach der Wende an einem Subbotnik teilnehmen, hätten die einen für verrückt erklärt. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass Gläubige beim Kirchenbau Hand anlegen.

Finden Sie das gut oder schlecht?


Union kann das St. Pauli des Ostens werden. Der Verein hat ein Image, aus dem sich viel machen lässt – die Underdogs, die Aufsässigen, die ehrlichen Arbeiter, die um den Erfolg betrogen werden. Union hat etwas Besonderes: Witz und Schnauze, ein sehr enges Stadion und eine unglaubliche Begeisterung der Fans wider alle Vernunft.

Herr Brussig, werden Sie jetzt doch noch zum Union-Fan?

Wer mal BFCer war, wird nie Unioner. Nö, ich bin inzwischen für Hertha.

Das Gespräch führte Robert Ide.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2009)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Feierstunde:

Bundestag erinnert an freie Volkskammerwahl
In einer Feierstunde hat der Bundestag an die erste und einzige freie Volkskammerwahl in der DDR vor 20 Jahren erinnert. Der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, und Bundestagspräsident Norbert Lammert hoben die Bedeutung der Wahlen für den Weg zur deutschen Einheit hervor.

Bilder:

Der Frühling kommt
Zwei Tage vor dem offiziellen Frühlingsanfang setzen sich in der ganzen Stadt Menschen in die Sonne. Auch auf der langen Bank am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg genießen Anwohner das schöne Wetter.

Kommentare [ 6 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von 10827er 10827er ist gerade offline | 8.3.2009 21:32 Uhr
Laubenpieperverein
Union ist nicht der Kult Club des Ostens.Es gibt keinen in ganz Ostdeutschland akzeptierten Kult Klub.Nicht Union und auch nicht Dynamo Dresden oder 1.FC Magdeburg.
Bei Union sinken oder bestenfalls stagnieren seit Jahren die Zuschauerzahlen.Es gibt eine treue Fangemeinde aber ausserhalb der Eiseren Fans tut sich nicht viel.
Comment
von neuinfriedrichshain neuinfriedrichshain ist gerade online | 9.3.2009 10:26 Uhr
uiuiui...
... also dynamo dresden hat krawallfans aber ausgrechnet rostock nicht?
schon mal dort ein heimspiel und den dort nahezu üblichen "führergruß" erlebt?
und auch bei union: massenweise "thor steinar"-klamotten.
aber natürlich gegen hoffenheim nachtreten (die im gegesantz zu allen ostvereinen ein prallvolles stadion haben (und zwar ohne rechtes publikum) und dann noch der vergleich mit dem FC St. Pauli! das tut echt weh.

warum nur haben in D. die autoren so überhaupt keine ahnung von dem, was sie so über fussball abblassen? vermutlich ist der "autor" nie in einem der besprochenen stadien zu gast.

stattdessen geht er als alter bfc`ler ausgerechnet zur hertha, uiuiui...
Comment
von lupinho lupinho ist gerade offline | 9.3.2009 11:37 Uhr
na klar
..., die frage ist schwer zu beantworten: weil es der einzige Berliner Bundesligaverein ist. Weil Fans auch aus dem Umland dorthin gehen. Weil das ganze "Ost-Kult-Geschwurbel" letztlich sehr verlogen ist: Wer einmal den Hass bei Ostduellen erlebt hat - z.B. CG - Hansa - der lacht nur noch über diesen Befindlichkeitsquatsch. Eins ist richtig: Perspektivisch gehört Dynamo Dresden in die erste BuLi!!! Dann hoffentlich mit tollen Fans und tollen Duellen: U.a. natürlich gg unsere Hertha!!! Huuiii!!!!
Comment
von neuinfriedrichshain neuinfriedrichshain ist gerade online | 9.3.2009 14:52 Uhr
uiuiui...
... also dynamo dresden hat krawallfans aber ausgrechnet rostock nicht?
schon mal dort ein heimspiel und den dort nahezu üblichen "führergruß" erlebt?
und auch bei union: massenweise "thor steinar"-klamotten.
aber natürlich gegen hoffenheim nachtreten (die im gegesantz zu allen ostvereinen ein prallvolles stadion haben (und zwar ohne rechtes publikum) und dann noch der vergleich mit dem FC St. Pauli! das tut echt weh.

warum nur haben in D. die autoren so überhaupt keine ahnung von dem, was sie so über fussball abblassen? vermutlich ist der "autor" nie in einem der besprochenen stadien zu gast.

stattdessen geht er als alter bfc`ler ausgerechnet zur hertha, uiuiui...
Comment
von traktorist traktorist ist gerade offline | 9.3.2009 17:19 Uhr
5 € in Phrasenschwein
....wenn das mal reicht!
"Ich war noch nie bei Union" und dann der Vergleich mit dem FC St.Pauli. Geht´s noch? Wovon redet der denn? Wie wär´s mit 2 Dauerkarten und dann mal ´ne Saison in die Stadien!!
Da wird dem schon nach der 1. Minute der Unterschied klar!!
St.Pauli - ohne jetzt zu politisch zu werden ist ja wohl eher am linken Rand der Gesellschaft verortet. Bei Union bin ich mir da unsicher, eigene Erfahrungen in der Försterei lassen mich allerdings daran zweifeln, dass hier mal ´ne richtig dicke Fanfreundschaft draus wird - trotz "Bluten für Union" Das Polizeiaufgebot, welches die Fans voneinander trennte war jedoch immer beträchtlich! Warum eigentlich?
Und jetzt kommen meine 5 €. „Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten.“ D.N.
Comment
von 12459 12459 ist gerade offline | 10.3.2009 7:55 Uhr
a) @traktorist; b) @ alle
a) contra Traktorist: Nicht nur bei Spielen von Union gibt es "beträchtliche Polizeiaufgebote", die findet man auch bei Spielen von *setze beliebigen Klubnamen ein* gegen *setze anderen beliebigen Klubnamen ein*, wo mit großem Zusachauerinteresse zu rechnen ist. Außerdem muss zwischen St. Pauli und Union keine "dicke Fanfreundschaft" erwachsen, man schätzt und erkennt die Liebe und Hingabe zum jeweiligen Lieblingsklub an, das reicht m.E. vollkommen aus.

b) contra interviewten Schriftsteller: Hr. Brussig ist ein Erfolgsfan, ging früher zu Weinrot Hohenschönhausen, weil sie "sportlich besser" (man kann hinzufügen: politisch massiv gewünscht besser) waren als Union, jetzt geht er zu Hertha, denn 1. Bundesliga ist eben besser als 3. Liga. Ihm fehlt als Gelegenheitsfan der Einblick in die Materie (Umzüge von Vereinen sind "so etwas wie Osttradition", sieht man ja auch daran, dass Wiesbaden und Hoffenheim im Osten liegen, höhö). Viell. sollte man Hr. Brussig in Zukunft einfach nicht so viel über Fußbal fragen...

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 1 + 1 = 


Anzeige
---
Vorbereitungen im Gastgeberland, Spiele der WM-Qualifikation - und alles zur deutschen Nationalelf auf dem Weg nach Südafrika.
Berliner Bundesligisten

Weitere Themen

Schüler fragen, der Bundespräsident antwortet Lesezeichen hinzufügen

Horst Köhler war das erste deutsche Staatsoberhaupt, das sowohl die Olympischen ... mehr...

Auch Hauswald und Beck hören auf Lesezeichen hinzufügen

Nach der dreimaligen Olympiasiegerin Kati Wilhelm haben auch Simone Hauswald und ... mehr...

"Ich hätte das 2:1 nicht gemacht!" Lesezeichen hinzufügen

Von Lucas Vogelsang
Im DFB-Pokalfinale 1973 wechselt sich Günter Netzer selbst ein und trifft zwei ... mehr...

Messi spielt Stuttgart schwindelig Lesezeichen hinzufügen

Von Oliver Trust
Der FC Barcelona und Superstar Lionel Messi waren für den VfB Stuttgart mehrere ... mehr...

Glänzender Tag für deutsches Paralympics-Team Lesezeichen hinzufügen

Mit dreimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze feierten die deutschen ... mehr...
Fotostrecken

Generaldebatte im Bundestag (22 Bilder)

Simulationen zur Museumsinsel (4 Bilder)

Paralympics-Fotoreportage (22 Bilder)

Spektakuläre Paralympics (16 Bilder)

Der Frühling kommt (19 Bilder)

Duckomenta (20 Bilder)
Anzeige
Berliner Bundesligisten