Sport : Aachen muss hinunter

Nach dem 2:2 gegen Wolfsburg hat die Alemannia so gut wie keine Chance mehr auf den Klassenerhalt

Marlon Gego[Aachen]

Vor der Gegengeraden war Moses Sichone sehr allein, aber deswegen weinte er wohl nicht. Das Spiel war schon 20 Minuten vorbei, und Aachens Kapitän weinte immer weiter, er konnte gar nicht aufhören. Die Tränen ließen sein Gesicht im seltsam hellen Licht eines verregneten Aachener Nachmittags glänzen, in seiner Nase steckte ein blutgetränkter Wattebausch, Sichone hatte das Spiel mit gebrochener Nase beendet, wie ein Held, der er dann doch nicht geworden ist. Aachen ist nach dem 2:2 (0:0) gegen Wolfsburg gestern praktisch abgestiegen; denn weder in Wolfsburg noch in Aachen glaubte nach dem Spiel noch irgendwer, dass die Alemannia kommenden Samstag in Hamburg drei Punkte und 14 Tore auf den VfL wettzumachen in der Lage sein könnte.

Aachens Trainer Michael Frontzeck trägt den Abstieg mit Fassung, er sagte, Aachen habe sich „in der Liga gut präsentiert“, gegen Wolfsburg sogar besonders gut. Er sprach von einem „perfekten Spiel“ und davon, dass die Fans sicher nicht wieder 36 Jahre bis zum nächsten Aufstieg in die Bundesliga warten müssten. Ob der Abstieg vermeidbar gewesen wäre, wollte er „zehn Minuten nach dem Spiel nicht analysieren“. Sein Wolfsburger Kollege Klaus Augenthaler war dagegen zufrieden. „Den Punkt und den Klassenverbleib hat sich mein Team redlich verdient“, sagte er. Zu seiner eigenen Zukunft beim VfL befragt, sagte Augenthaler nur, er habe seines Wissens noch einen Vertrag bis 2009.

Bis zur 81. Minute hatte Aachen durch Tore von Matthias Lehmann nach strittigem Handelfmeter (65. Spielminute) und Szilárd Nemeths Stochertor (68.) sehr verdient 2:0 geführt, der Tivoli war festlich gestimmt gewesen, als sei der Ligaverbleib ausgemachte Sache. Die Spannung ließ dann spürbar nach, auch deswegen, weil Wolfsburg keinerlei Anstrengungen unternahm, das Ergebnis zu eigenen Gunsten zu verändern.

Dass der gerade eingewechselte Christopher Lamprecht aus 16 Metern zum Anschluss traf, war mehr Zufall, denn Jeffrey Leiwakabessy und Lehmann hatten Lamprecht in gönnerhafter Siegesgewissheit einfach mal schießen lassen. Und auch der Ausgleich durch den Wolfsburger Argentinier Diego Klimowicz (86.) hätte eigentlich so nicht fallen dürfen: Im Strafraum stolperte der nämlich erst Sichone aus, dann Leiwakabessy, bevor er den Ball aus spitzem Winkel auf den kurzen Pfosten drosch, an dem Torwart Marcus Hesse stand. Der hechtete unbeholfen zur Seite und machte so dem Ball freundlich Platz.

Hesse war erst am Vormittag über seinen Einsatz unterrichtet worden. Der eigentliche Vertreter des verletzten Stephan Straub, Christian Nicht, hatte sich nach einem Essen in Aachens einzigem Fünf-Sterne-Hotel abends zuvor mit Magen-Darm-Beschwerden abgemeldet. Und während Hesse sich in der Kabine trösten ließ, schlich Sichone ganz alleine durchs Stadion, das ihn und seine Mannschaft feierte wie Helden – trotz des besiegelten Abstiegs.

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