Aberglaube von Ronaldo & Co. : EM-Glücksbringer: Pissoirs und Stutzen

Nirgends geht's so abergläubisch zu wie im Sport: Gomez nimmt immer das linke Pissoir, Ronaldo zieht die Stutzen übers Knie. Aberglaube kann tatsächlich zu mehr Glück verhelfen.

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Schön hochziehen! Sonst hat Cristiano Ronaldo kein Glück (glaubt er). Foto: imago/BPI
Schön hochziehen! Sonst hat Cristiano Ronaldo kein Glück (glaubt er).Foto: imago/BPI

Herrje, dieser EM-Fluch! Thomas Müller hat ihn am Hals, England hat ihn, das zweite Spiel des Turniers hat ihn offenbar auch. Von dem ominösen Fluch ist zumindest viel zu lesen und zu hören, nicht nur in deutschen Medien. Tom Bartels, ARD-Kommentator des Deutschlandspiels gegen Nordirland, schob Müllers Pech auf die Nummer 13 auf seinem Rücken. Der Stürmer donnerte die Bälle überallhin, nur eben nicht ins Tor. Das muss etwas Übernatürliches sein, sagen die Abergläubischen. Humbug, sagen die anderen.

Nirgends geht es so abergläubisch zu wie beim Sport. Fußball- und andere Fans gehen bis ans Äußerste für ihr Team und waschen ihre Fan-Schals und Trikots nicht während der Saison, auch wenn sie nach Bier stinken – das bringt sonst Unglück.

Aberglaube hilft, zeigt eine Studie der Uni Köln

Selbst Bundestrainer Joachim Löw schien bei der Weltmeisterschaft 2010 einen abergläubischen Spleen entwickelt zu haben: Man erinnere sich an seinen hellblauen Kaschmirpullover, den er bei jedem Spiel trug. Das Modestück wurde inzwischen für eine Million Euro versteigert und hängt nun im DFB-Museum in Dortmund. Ein Götzenbild des Aberglaubens.

Rational gesehen ist Aberglaube Blödsinn. „Wir Menschen denken immer, dass wir logisch sind, aber das sind wir nicht. Wir sind psychologisch“, sagt Diplompsychologe Werner Gross vom Psychologie Forum Offenbach. In dem Sprichwort, dass der Glaube Berge versetzen könne, sei aber ein wahrer Kern enthalten.

Denn zum Erfolg verhelfen kann Aberglaube eben doch. Diese These stützt eine Studie von Psychologen der Universität Köln. Ein Team von Wissenschaftlern um Lysann Damisch veröffentlichte im Jahr 2010 Forschungsergebnisse, die belegten: Ein Glücksbringer, eine Angewohnheit oder ein Sprichwort (etwa „Hals- und Beinbruch“), das den entsprechenden Aberglauben aktiviert, verbessert motorische Fähigkeiten, das Gedächtnis und, in der Studie beispielhaft gewählt, das Golfspiel. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, warum: Die vermeintliche Magie stärkt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Wer selbstbewusst auftritt, dem gelingt alles besser als dem Selbstzweifler.

Nicht mitsingen, sich ins linke Pissoirs erleichtern: Gomez hilft's

Weil das nicht nur fürs Golfen gilt, ist es kein Wunder, dass auch Fußballnationalspieler sich immer wieder Glücksmarotten zulegen. Ein Beispiel ist Tschechiens Kapitän Tomas Rosicky. Der singt die Nationalhymne nie mit, seitdem er festgestellt hat, dass sein Team immer dann Spiele verlor, nachdem er sie mitgesungen hatte. Jetzt, da Tschechien aus der EM ausgeschieden ist, bleibt offen, ob er sich eine neue Strategie überlegen muss. Das wird auch davon abhängen, ob der Tscheche noch einmal für die Nationalmannschaft spielen wird. Beim letzten Spiel saß er verletzt auf der Bank. Dass er dort sang, ist nicht bekannt.

Gut gezielt, ist schon getroffen. Mario Gomez nimmt gern das linke von zwei Pissoirs - soll ihm Glück bringen. imago
Gut gezielt, ist schon getroffen. Mario Gomez nimmt gern das linke von zwei Pissoirs - soll ihm Glück bringen.imago

Ihm gleich tut es Mario Gomez, der aus demselben Grund niemals „Einigkeit und Recht und Freiheit“ anstimmt. Gomez, der den Ball im Spiel gegen Nordirland vom fluchbeladenen Müller übernahm und ins nordirische Tor brachte, hatte vielleicht deshalb Erfolg, weil er die Nationalhymne wieder nicht mitgesungen hatte. Oder er hatte sich vor Spielbeginn in den Stadion-Katakomben in das äußerste linke Pissoir erleichtert – das, so sagt er, bringe ihm nämlich Glück. Vor dem Spiel gegen die Ukraine allerdings lenkte Gomez ein: „Wenn es frei ist, gehe ich immer noch ans linke, aber wenn jemand am linken steht, gehe ich auch ans rechte.“

Die mit dem "Glücksball" spielten besser

In einem der Experimente der Kölner Wissenschaftler sollten 28 Studenten – von denen 80 Prozent angaben, leicht abergläubisch zu sein – einen Golfball einlochen. Der ersten Gruppe von ihnen gab man den Ball und sagte: „Hier ist dein Ball, bis jetzt ist es der Glücksball.“ Prompt war diese Gruppe besser im Putten als die Gruppe mit „normalen“ Bällen.

Alles Zufall? „So ein Gegenstand gibt einem Hoffnung. Gerade wenn man merkt, dass die Realität problematisch aussieht“, erklärt der Psychologe Grosse. Ein Schwall an Selbstbewusstsein und die sogenannte positive Energie unterstützen das Vorhaben.

Spezialhandschuh. Angenehm und glücksbringend für Spaniens Torwart Casillas. Foto: picture-alliance/ dpa
Spezialhandschuh. Angenehm und glücksbringend für Spaniens Torwart Casillas.Foto: picture-alliance/ dpa

So bei Bastian Schweinsteiger. Der muss für das perfekte Glück als Letzter aus dem Mannschaftsbus steigen und auch zuletzt aufs Spielfeld treten. Seine späte Einwechslung im Spiel gegen die Ukraine gibt ihm hier recht: Später als in der 90. Minute kann man schließlich kaum auf den Platz kommen. Und sofort machte er das 2:0.

Spezialhandschuh für Iker Casillas

Angeblich schwört Schweinsteiger auf weiße Schuhe, in anderen fühle er sich nicht wohl. Portugals Stürmer Cristiano Ronaldo zieht sich die Stutzen so weit über die Knie wie nur möglich. „Von klein auf hatte ich die so hochgezogen. So bin ich berühmt geworden. Jetzt ist es Aberglaube und ich lasse sie immer über dem Knie“, sagte er 2006 der „Bild“-Zeitung.

Iker Casillas band sich eine Zeit lang gesunde Ring- und Mittelfinger der linken Hand zusammen. Der spanische Torwart ließ hierfür sogar spezielle Handschuhe anfertigen – mit nur vier Fingern. Er kam darauf in der Weltmeisterschaft 2006, weil er eine Fingerverstauchung stabilisieren musste. Lange nachdem die Hand bereits geheilt war, spielte er trotzdem mit vier Fingern.

Inzwischen im DFB-Museum: Löws 2010er Glückpulli. Foto: AFP
Inzwischen im DFB-Museum: Löws 2010er Glückpulli.Foto: AFP

In einem weiteren Experiment der Kölner Psychologen durften alle Teilnehmer einen Glücksbringer mitnehmen, eine Gruppe aber musste ihn vor einem Gedächtnistest weglegen. Die mit Glücksbringer schnitten wieder viel erfolgreicher ab. Auch waren sie überzeugter, dass der Erfolg von ihnen selbst abhing, und setzten sich höhere Ziele. Sie hatten das Gefühl, die Dinge besser kontrollieren zu können – natürlich eine Illusion.

Diese Illusion allerdings kann gefährlich werden. „Ein abergläubisches Ritual ist ein Glückspiel mit sich selbst“, sagt der Psychologe Gross. Wenn etwas dreimal hintereinander gut gehe, denke man plötzlich, das müsse immer so weitergehen. „Wer die Realität mit dem Wunschtraum verwechselt, hat es schwer“, sagt Gross. Denn was, wenn das vermeintlich sichere Glück in Unglück umschlägt? Wer an Glücksbringer glaubt, glaubt meist auch an Pechsträhnen. Und wer glaubt, er hat Pech, hat oft welches.

Thomas Müller hat auch so ein gutes Selbstbewusstsein

Thomas Müller hat angeblich gerade viel Pech. Der EM-Fluch lastet schließlich auf ihm. Er selbst hält allerdings, soweit bekannt, nichts von Aberglauben und braucht keine Rituale, um sich sicher zu fühlen. „Wer ehrgeizig ist, hat normalerweise auch ein gutes Selbstbewusstsein, weil er hoch hinaus will. Dann traut man sich auch etwas zu“, sagte Müller einmal. Und was seine Nummer 13 auf dem Rücken angeht, hat er schon lange klargemacht, dass ihm die „eigentlich egal“ sei.

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