Sport : Abgehängt am Berg

Jan Ullrich verliert Zeit bei der Deutschland-Tour

Hartmut Scherzer[Feldberg]

Erinnerungen an die Tour de France wurden gestern wach: Im Stile Lance Armstrongs hängte auch Levi Leipheimer den T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich bei der Deutschland-Tour ab. Beim Finale des zwölf Kilometer langen Schlussanstiegs auf den Feldberg machte der deutsche Favorit wie schon zuvor beim Anstieg auf den Gletscher-Gipfel in Tirol schlapp. Mit einem Vorsprung von nunmehr 1:26 Minuten gegenüber Ullrich startet der 31-jährige Spitzenmann des Teams Gerolsteiner heute in Ludwigshafen zum entscheidenden 31 Kilometer langen Zeitfahren nach Weinheim. Diesen Rückstand aufzuholen, wird für Ullrich sehr schwer. Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage, der beim Zeitfahren nicht im T-Mobile-Begleitwagen sitzen darf, sah die Chancen seines Schützlings nach dem erneuten Zeitverlust am Sonntag schwinden: „Jetzt wird es noch viel schwerer.“ Dennoch warnte Hans-Michael Holczer, der Teamchef von Gerolsteiner: „Wir können uns noch nicht sicher fühlen.“

Das Szenario im Schwarzwald war gespenstisch: Dauerregen, ungemütliche Kälte und dichter Nebel umhüllten den Feldberg, das 1270 Meter hohe Ziel der siebten Etappe (177,7 km), als der Australier Cadel Evans mit erhobenen Händen über die Ziellinie rollte. Mit elf Sekunden Rückstand folgten der Schweizer Fabian Jeker, der Franke Jörg Jaksche und Leipheimer. „Ich war überrascht, als Ullrich wieder von meinem Hinterrad weg war“, sagte der Amerikaner. „Nun ist der Rundfahrtsieg möglich.“ Jan Ullrich, dem das extrem schlechte Wetter auf seiner einstigen Trainingsstrecke nicht behagte, konnte dreieinhalb Kilometer vor dem Ziel dem Tempo nicht mehr folgen. Er wurde nur Elfter mit 44 Sekunden Rückstand zum Etappensieger. Gegenüber Leipheimer verlor Ullrich weitere 30 Sekunden.

Ullrich sah müde und abgekämpft aus, als er die Niederlage zu erklären versuchte: „Durch den ständigen Regen seit Beginn bin ich die Erkältung nicht losgeworden. Das ist ein Handicap. Daher reichte es nicht für ganz vorne, obwohl ich mir für heute so viel vorgenommen hatte.“ Zu den Chancen im Zeitfahren sagte er nur: „Ich versuche, mein Bestes zu geben.“ Teamchef Mario Kummer hatte für den Einbruch nur eine Erklärung: „Jan hatte zum Schluss Probleme mit dem Wetter.“ Ullrich fiel im Gesamtklassement auf den fünften Platz zurück. Zwischen die beiden führenden Gerolsteiner-Fahrer Leipheimer und Totschnig (33 Sekunden zurück) schoben sich Evans (58 Sekunden) und Jaksche (1:21). „Jetzt werden wir uns gut auf das Zeitfahren vorbereiten und um jeden Platz kämpfen“, sagte Kummer.

Der 1116 Meter hohe Feldberg, eine Erhebung der ersten Kategorie mit steilen Steigungen zwischen 8,7 und 16,2 Prozent Steigung zwanzig Kilometer vor dem Ziel, wurde von Wladimir Gustow zuerst erklommen. Der Ukrainer war zusammen mit dem Australier Sutherland, dem Spanier Barredo und dem Erfurter Christian Müller (CSC) nach zwölf Kilometern ausgerissen. Das Quartett hatte einen maximalen Vorsprung von 10:50 Minuten. Auf dem Pass folgte die Hauptgruppe mit allen Favoriten eine Minute später. Beim letzten Anstieg auf den Feldberg war es um die Ausreißer elf Kilometer vor dem Ziel allerdings geschehen. Dann griff Alberto Contador an und konnte sich absetzen. Im Rücken des Spaniers belauerten sich die Favoriten. Ullrich gehörte in der entscheidenden Phase nicht mehr dazu.

Es läuft schlecht für T-Mobile bei der Rundfahrt, die Olaf Ludwig pathetisch zu „unserer zweiten Tour de France“ erklärt hatte. Die zyanblaue Mannschaft Gerolsteiner aus der Eifel stiehlt seinem Magenta-Team täglich die Schau. „Wie wir uns optisch dargestellt haben, damit kann ich nicht zufrieden sein“, räumte der künftige Teamchef denn auch ein. Aber der Nachfolger von Walter Goodefrot hatte vor der Ernüchterung am Feldberg noch ganz auf Jan Ullrich gesetzt: „Wir sind in einer guten Position, das Spiel noch zu gewinnen.“ Einige Fahrer seien angeschlagen, und das schlechte Wetter habe nicht zur Besserung beigetragen. Alexander Winokurow und Stephan Schreck gaben auf.

Es wäre sicherlich eine empfindliche Betriebsstörung, sollte nun am Dienstag vor der Konzern-Zentrale in Bonn tatsächlich nicht Jan Ullrich, sondern ein Fahrer aus der Eifel auf dem Siegerpodest ganz oben stehen. Eine Siegerehrung mit Levi Leipheimer vom Mineralwasser-Hersteller Gerolsteiner als Hauptdarsteller dürfte ihnen am Dienstag ganz bestimmt bitter aufstoßen.

Bis auf Steffen Wesemanns, der nicht durch Frankreich geradelt war, zeigte kein Helfer Stärke – und letztlich auch der Kapitän nicht. Obwohl beide deutsche Mannschaften in Tour-de-France- Stärke unter gleichen Bedingungen angetreten sind, ist nur das Favoriten-Team angeschlagen. „Das schlechte Wetter hat in der Tat nicht zu Besserung beigetragen“, sagte Olaf Ludwig zwar, kritisierte aber auch: „Alle hätten nach der Tour auf einem guten Niveau sein müssen.“

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