Sport : Abgemahnt, aber erfolgreich

Claus Vetter

Die Rückfahrt aus Nürnberg gehörte gewiss nicht zu den angenehmen Erlebnissen des Eishockey-Trainers Uli Egen. Er und seine Mannschaft mussten während der nächtlichen Heimfahrt mit der Bahn bei Außentemperaturen unter dem Gefrierpunkt ohne Heizung auskommen. Fröstelnd kam die Delegation des EHC Eisbären erst am Sonnabendmorgen wieder in Berlin an. Zumindest konnten sich Trainer und Spieler an dem erwärmen, was sie zuvor auf der Eisfläche der Arena Nürnberg erreicht hatten. Und ausgerechnet der zuletzt heftig kritisierte US-Amerikaner Chris Marinucci hatte mit seinem Penaltytor am Freitag zum 5:4 dafür gesorgt, dass die Eisbären den Ice Tigers in ihrer neuen Arena die dritte Niederlage in der laufenden Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) beibrachten. Ein Sieg, der auch noch einen wichtigen Nebeneffekt hatte: Uli Egen bleibt im Amt, sollte er eventuell über Weihnachten einen Skiurlaub geplant haben, wird der Füssener den aus beruflichen Gründen nun streichen müssen.

Während der Woche hatte Marinucci mit seinem Verhalten noch für erhebliche Unruhe gesorgt. Am Montag fehlte der US-Amerikaner unentschuldigt beim Training, daraufhin wurde er von Manager Peter John Lee suspendiert und beim Spiel der Eisbären am Dienstag in Augsburg nicht berücksichtigt. "Marinucci war frustriert und mit seiner Leistung unzufrieden", hatte Lee gesagt. "Natürlich konnten wir sein Verhalten nicht akzeptieren." Am Mittwoch wurde Marinucci zum Rapport bestellt. Es gab eine Unterredung mit Lee, Trainer Uli Egen und Chris Reynolds, dem Europa-Chef für sportliche Belange beim Eisbären-Eigner, der Anschutz-Gruppe. Die Eisbären beließen es gnädig bei einer Abmahnung für Marinucci.

Der hatte beteuert, sich künftig zusammenreißen zu wollen. "Seit meiner Zeit im College bin ich nicht mehr in so ein Loch gefallen", hatte Marinucci gesagt. Und Lee hatte Verständnis für seinen vermeintlichen Torjäger, der dabei war, sich bei den Eisbären seinen guten Ruf zu verspielen: Marinucci hatte in 31 Spielen erst ein Tor erzielt. "Chris ist mit dem öffentlichen Druck hier in Berlin nicht klar gekommen", sagte Lee. "In Nordamerika ticken die Uhren eben anders, da gibt es maximal in New York so viele Zeitungen wie in Berlin. Chris ist eben auch nur ein Mensch."

Und ein Eishockeyprofi, der wissen sollte, dass ein gut bezahlter Leistungssportler nun mal im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht und deshalb auch mit Kritik leben muss. In Nürnberg scheint Marinucci in dieser Hinsicht einen Schritt weitergekommen zu sein. Der Stürmer erzielte neben seinem Penalty auch das Tor zum 2:3 und war bei einem weiteren Treffer auf dem Eis. "Er war ein bisschen besser und engagierter als sonst", urteilte Egen vorsichtig, "und hinterher total erleichtert." Ähnlich erging es dem zuletzt in der Kritik stehenden Trainer der Eisbären. Schließlich hatten die Berliner in einer furiosen Aufholjagd in den letzen 140 Sekunden das Vabanquespiel ohne Torwart gewonnen und mit sechs Feldspielern aus einem 2:4 noch ein 4:4 gemacht.

Manch einem saß nach dem Erfolg in letzter Sekunde der Schalk im Nacken. "Der Uli hat seine Skischuhe zurück ins Allgäu geschickt", scherzte Kotrainer Hartmut Nickel. Den Witz vom suspendierten Uli Egen, der über Silvester die Pisten in den Alpen unsicher macht, wollte Egen gestern indes nicht mehr hören. Dann doch lieber Riesenslalom im Fernsehen schauen, so wie am Sonnabendmorgen im Hause Egen. "Natürlich war die Euphorie nach dem Sieg in Nürnberg groß und da haben wir gewitzelt", sagte Egen. "Aber zufrieden sein können wir natürlich noch nicht. Ein Sieg reicht nicht, jetzt müssen wir nachlegen." Das scheint schwierig, weil heute mit Vizemeister München Barons nicht eben ein Gegner der unteren Leistungsklasse ins Sportforum Hohenschönhausen kommt (Beginn 18.30 Uhr).

Gestern sorgte sich Egen in seiner gutbeheizten Wohnung vorrangig um die Verfassung seiner Akteure. Die Rückkehr aus Nürnberg wurde nämlich für die Eisbären zur Odyssee. Angesichts vereister Straßen reisten die Berliner mit mehr als 500 feiernden Fans im kühl-temperierten Sonderzug zurück nach Berlin. Die Heizung im Zug funktionierte nicht. Gemeckert hat trotzdem niemand, was ein Verantwortlicher beim EHC beachtlich fand: "Sonst beschweren sich die Spieler, wenn ihr Toaster nicht funktioniert, und dann sitzen sie stundenlang im kalten Zug, ohne zu murren." Auch dass bei der Ankunft auf dem Bahnhof Lichtenberg um 5 Uhr 30 der Taxistand verwaist war, schmälerte die gute Laune der großen Reisegruppe aus Berlin nicht. Zumal gestern allen die Chance ausgiebiger Regeneration gegeben war. Der Mannschaftsbus und damit die Ausrüstung der Spieler standen noch immer in Nürnberg, das Training musste beim EHC ausfallen.

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