Abgesetzter Hertha-Kapitän Peter Niemeyer : Ein Mann für die Mannschaft

In schweren Zeiten ist der abgesetzte Kapitän Peter Niemeyer auf einmal wieder wichtig für Hertha. Dabei hatte ihm Trainer Jos Luhukay vor der Saison eigentlich keine große Rolle mehr zugetraut.

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Bei der Arbeit nach der Ansprache. Peter Niemeyer mahnte die Kollegen vor dem Spiel gegen den Hamburger SV zur Geschlossenheit.
Bei der Arbeit nach der Ansprache. Peter Niemeyer mahnte die Kollegen vor dem Spiel gegen den Hamburger SV zur Geschlossenheit.Foto: City-Press

Jos Luhukay hat seinem früheren Kapitän am Wochenende ein ganz besonderes Lob ausgesprochen. „Die Mannschaft brauchte heute Peter Niemeyer“, hatte der Trainer von Hertha BSC nach dem 1:0-Sieg gegen den Hamburger SV gesagt. Man wüsste schon gerne, wie Niemeyer von Luhukays Lobrede erfahren hat. Und ob es ihm, gerade nach einer persönlich schwierigen Zeit, einen besonderen Moment der Rührung beschert hat. Aber der Fußballprofi von Hertha BSC will sich derzeit nicht zu solchen und anderen Fragen äußern. Die Mannschaft hat auch am Dienstag ihren Medienboykott aufrechterhalten, um gegen die ausschweifende Berichterstattung aus dem Intimleben einiger ihrer Kollegen zu protestieren.

„Ich wünsche einen wunderschönen guten Morgen“, sagte Niemeyer nur, als er den Trainingsplatz verließ. Und lachte. Seine persönliche Laune hat sich am Wochenende merklich verbessert, nachdem er gegen den HSV zum ersten Mal in dieser Saison wieder für seine Mannschaft auf den Platz durfte. Vier Mal saß er beim Anpfiff auf der Bank, drei Mal auch beim Abpfiff noch. „Peter hat eine schwierige Zeit hinter sich“, sagte Trainer Luhukay. „Er musste sich gedulden. Aber er hat das vorbildlich gemacht.“

Begonnen hat die schwierige Zeit mit Luhukays Entscheidung, Niemeyer als Kapitän abzusetzen und das Amt Fabian Lustenberger zu übertragen. Die Entscheidung an sich muss Niemeyer schon getroffen haben, noch mehr aber dürfte ihn die nachgereichte Erklärung des Trainers geschmerzt haben. Zumal sie für Luhukays Verhältnisse erstaunlich schroff klang und vor allem wenig Interpretationsspielraum zuließ. Sinngemäß lautete die Botschaft: Peter Niemeyer war mit seiner kämpferischen Einstellung in der Zweiten Liga sehr wichtig für uns; eine Stufe höher aber sind andere Qualitäten gefragt. Wahrscheinlich wird er für uns keine große Rolle mehr spielen.

Das vergangene Wochenende hat fürs Erste das Gegenteil bewiesen. Niemeyer ist als Fußballer und als Typ immer noch gefragt, zumindest in bestimmten Momenten. Gegen den HSV sah Luhukay diesen Moment schon Mitte der ersten Halbzeit gekommen. Hertha fand nicht richtig ins Spiel, eine gewisse Verunsicherung hatte sich in die Mannschaft geschlichen. „Er sollte sein, wie er ist“, sagte Luhukay über den Auftrag, mit dem er Niemeyer aufs Feld schickte. „Er sollte stimulieren, motivieren, korrigieren. Peter hat eine wichtige Position eingenommen für sich und für die Mannschaft.“

Bei solchen Spezialaufträgen kommt dem Mittelfeldkämpfer zugute, dass er sich nie wichtiger nimmt als die Mannschaft und ihren Erfolg. Dass er nicht glänzen will, sondern lieber die entscheidenden Zweikämpfe gewinnt. „Ich habe es immer schon gelebt, dass man es nur gemeinsam schaffen kann“, hat Niemeyer Anfang des Jahres gesagt. „Ich glaube auch, dass man auf dem Platz sieht: dass ich ein Teamplayer bin und keine One-Man-Show abziehe.“

Doch genau das war plötzlich das Vertrackte an seiner Situation. Als Niemeyer noch regelmäßig spielte und wichtig war, hat er den Teamgedanken gegen alle Widerstände verteidigt. Würde er das auch tun, wenn er nicht mehr spielt und nicht mehr wichtig ist? In der Öffentlichkeit waren zumindest Zweifel zu spüren. Doch Niemeyer hat der Versuchung widerstanden, medienwirksam zu murren. Schon am Tag seiner Degradierung verkündete er via Facebook, er werde „auch ohne die Binde alle meine Qualitäten einbringen“. In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung erklärte er, er sei kein Heckenschütze, der auf eine Niederlage warte und dann aus der Deckung komme. Als die Mannschaft in der vorigen Woche durch die Berichterstattung zur sogenannten Lolita-Affäre aufgeschreckt wurde, soll er das Wort ergriffen und das Team zur Geschlossenheit gemahnt haben.

Jos Luhukay hat Niemeyer „eine vorbildliche Einstellung“ bescheinigt, auch wenn die Situation ihn beschäftigt hat. „Das hat man gespürt, das hat man auch gesehen.“ Aber anstatt sich in den Unmut zu fügen, hat Niemeyer das getan, was er am besten kann: Er hat gearbeitet, sogar über das normale Trainingsprogramm hinaus. „Ich beobachte ihn ja tagtäglich und habe ihn einfach sehr positiv gesehen“, sagt Herthas Trainer. „Charakterlich war er immer ein Teamspieler, er hat sich nie außerhalb der Mannschaft gestellt.“

Das Lob, das ihm Trainer Luhukay am Samstag vor der Presse ausgesprochen hat, hat er Niemeyer am Sonntag noch einmal persönlich mitgeteilt. Vor der versammelten Mannschaft – weil das eine noch höhere Bedeutung habe. Jos Luhukay sagt: „Ich denke, das ist angekommen.“

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