Sport : Abgestrampelt

Jean Nuttli wog 125 Kilo, jetzt jagt er den Stundenweltrekord

Winfried Köppele

Bordeaux. Als sich der 22-jährige Jean Nuttli 1996 im elterlichen Badezimmer auf die Waage stellt, ist er entsetzt. Der Schock über den Wert auf der Anzeige sitzt so tief, dass der Schweizer beschließt, endlich abzuspecken. Die Waage hatte über 125 Kilogramm angezeigt.

Es gibt wohl keine radikalere Diätkur als jene, für die sich Jean Nuttli entschied. Nur Minuten nach seinem spontanen Entschluss landete der geliebte Schokoriegel im Mülleimer, Nuttli holt seine alte Ergometer-Rolle aus dem Keller und strampelte los. Anfangs ein oder zwei, später bis zu sieben Stunden täglich. Ein Jahr später erkennen ihn seine Freunde beinahe nicht wieder: Nuttli ist hager geworden, die Haut hängt schlaff am Körper. Und die Waage erreicht kaum mehr die 70-Kilo-Marke.

Heute um 15 Uhr wird derselbe Nuttli, inzwischen Radprofi mit einem Kampfgewicht von gerade einmal 67 Kilogramm, auf der Radrennbahn von Bordeaux den vor zwei Jahren in Manchester aufgestellten Stundenweltrekord des Engländers Chris Boardman angreifen. Mindestens 49,442 Kilometer muss der zum Zeitfahrspezialisten gereifte Schweizer binnen sechzig Minuten zurücklegen. Keine Chance, sagen die meisten Experten. Nuttli habe sich zu viel vorgenommen. Kein Problem, sagen Menschen, die Nuttli kennen, sogar über 50 Kilometer seien drin.

Der Stundenweltrekord ist Legende. 60 Minuten lang kreist der Athlet auf einem 250 Meter langen Holzoval, immer am äußersten Limit dessen, was die menschliche Physis zu leisten vermag. Der Puls hämmert bei 200 Schlägen pro Minute, das Gehirn schreit: „Hör auf!". Sogar die Radsportlegende Eddy Merckx, der vorletzte offizielle Rekordträger, war 1972 nach 49,4 Kilometern so kaputt, dass ihn Helfer vom Rad heben mussten. Nie mehr, ließ der beste Radsportler aller Zeiten später verlauten, wollte er sich solchen Strapazen aussetzen.

32-mal wurde die Bestmarke nach oben geschraubt, ehe Boardman 1996 einen seitdem nicht mehr übertroffenen Rekord aufstellte: Auf einem futuristischen Spezialrad und mit vorgestreckten Armen legte er unglaubliche 56,3 Kilometer zurück. Doch diese Bestmarke gilt nicht mehr. Im Jahre 2000 verbot der Internationale Radsportverband UCI alle seit 1984 bei Rekordversuchen verwendeten Rennmaschinen. Sie waren zu futuristisch. Man wollte die Leistung des Athleten wieder mehr würdigen. Daraufhin trat Boardman erneut an, diesmal mit einem Bahnrad klassischen Zuschnitts. Der Zeitfahrspezialist quälte sich und kam doch nur zehn Meter weiter als Merckx 1972.

Jean Nuttli will in Bordeaux knapp 50 Kilometer fahren. „Vom Start weg werden die Schmerzen da sein“, sagt der Schweizer, „es wird sehr, sehr einsam werden in diesen 60 Minuten.“ Der ehemalige Dickwanst und jetzige Radprofi träumt von diesem Weltrekord, seit er als 16-Jähriger bei Juniorenrennen abgehängt wurde. Der Gedanke an einen späteren Rekordversuch hielt ihn auf dem Ergometer. Beim täglichen Abspeckmarathon ließen Millionen Schweißtropfen Rahmen und Lenker seines Trainingsrads rosten.

Nuttlis Lebenstraum hat auch finanzielle Hintergründe. Nach kleineren Erfolgen verzeichnet die sportliche Karriere des Mannes, der 2000 als unbekannter Amateur unter den Profis Elfter der WM im Zeitfahren wurde, einige Rückschläge. Er kann den 2001 als Profi errungenen Meistertitel im Einzelzeitfahren in der Schweiz nicht verteidigen, bei der WM 2002 landet er nur auf Platz 23. Nervosität macht ihm zu schaffen. Sein französisches GS-II-Team bleibt mit Gehaltszahlungen im Rückstand; er muss wieder bei den Eltern wohnen. Da beschließt er, sich an den Stundenweltrekord zu wagen und sich wieder ins Gespräch zu bringen.

Andreas Gösele vom Schweizer Sportleistungszentrum dürfte sich noch an ihn erinnern. Bei dem Sportmediziner absolvierte Nuttli einen Leistungstest auf dem Ergometer. Während für Jan Ullrich und Lance Armstrong Maximalwerte um 500 bis 550 Watt für realistisch gehalten werden, drückte der 67-Kilo-Mann bei dem Test unglaubliche 800 Watt. Dann brannte die Elektronik des teuren Spezialgerätes durch.

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