Sport : Abschied als Kaiser

Marcello Lippi ist nicht mehr Italiens Trainer

Emilio Marrese

Im Olympiastadion in Berlin saß Marcello Lippi zum letzten Mal auf der blauen Bank. Es wäre sowieso das letzte Mal gewesen, denn Italiens Nationaltrainer hatte es schon vorher entschieden. Jetzt hat er einen Grund mehr, zu gehen und sich die Ohren zu verstopfen gegen den Chor der Journalisten, der Experten und der Fans, die ihn bitten zu bleiben. Es sind natürlich dieselben, die ihn vor der Weltmeisterschaft aufforderten zu gehen. Lippi hat für seinen Rücktritt zwei nachvollziehbare Gründe: Der eine kommt aus dem Bauch und sagt ihm, dass er wieder Mensch werden sollte. Der andere, eher in der zeitlichen Folge als der Bedeutung nach, kommt aus dem Kopf und dem gesunden Menschenverstand.

Lippi ist einer wie aus Marmor. Hart, arrogant, unsympathisch, eingebildet: Das ist die Rüstung, die jeder anziehen muss, der im italienischen Fußball seine Kriege gewinnen will, sonst wird er zermahlen. Er ist ein Mann des Fußballplatzes, wenig anfällig für Zwischentöne. Seine Welt ist entweder schwarz oder weiß. Schwarzweiß ist sie lediglich im Falle von Juventus, der Mannschaft, mit der er „der Lippi“ geworden ist. In der Rangliste der am meisten verabscheuten Trainer Italiens liegt nur Fabio Capello vor ihm. Deshalb ist seine Entscheidung keine Überraschung. Hinter der Rüstung steckt ein einfacher, angenehmer und empfindsamer Mensch, der auch zu liebevollen Gesten fähig ist. Aber das interessiert die Leute nicht.

Lippi konnte nicht vergessen, dass wenige Tage vor der WM weite Teile der öffentlichen Meinung seinen Rücktritt wollten, weil er in die Untersuchungen über den Skandal im italienschen Fußball verwickelt war. Die Abhörprotokolle hatten enthüllt, dass Lippi oft Anrufe von Luciano Moggi erhalten hatte, dem Generalmanager von Juventus, mit dem der Trainer acht Jahre lang in Turin zusammengearbeitet hatte und der ihm seine Ansichten mitteilte und ihm Tipps gab. Lippi entschied natürlich selbst, aber diese Gespräche berührten die Grenze zwischen einem privaten Schwätzchen zwischen Freunden, die vom Fach sind, und Druck von außen, um über seine Arbeit zu verfügen. Die Art Druck, den die Vereinschefs auf die Trainer aller Mannschaften ausüben. Die Ermittlungsrichter wollten im Verhalten Lippis jedoch eine aktive Beteiligung an der so genannten Fußballmafia sehen. Das war übertrieben, meinen wir.

Außerdem warf man Lippi vor, er habe seine Position zugunsten seines Sohnes Davide ausgenutzt. Der ist Spielermanager und Mitarbeiter der Gesellschaft Gea, die in den Skandal verwickelt ist. Der italienische Fußballverband selbst war Lippi gegenüber in großer Verlegenheit und entließ ihn lediglich deshalb nicht, weil in einem zivilisierten Land Ermittlungen noch keine Urteile sind. Lippi litt unter diesem feindseligen Klima, aber er gab seinen Posten nicht auf, weil er sich seines guten Gewissens sicher war und nur wegen Verdächtigungen seinen Traum nicht begraben wollte. Das war richtig. Und heute kann er sagen: Ich habe meine Sache gemacht, arrivederci.

Der zweite Grund ist aus seiner Sicht noch verständlicher: Es ist immer besser zu gehen,wenn einem noch nachgeweint wird, auf dem Gipfel des Erfolgs. Was kann ein Nationaltrainer mehr erreichen als die Weltmeisterschaft zu gewinnen? Nichts. Nicht einmal ein zweiter Titelgewinn käme dem gleich. Der Sieg Italiens war, das wissen alle, ein halbes Wunder und ist schwer zu wiederholen. Von nun an wäre jeder Erfolg Pflicht. Der Applaus von heute verwandelt sich rasch erneut in Kritik. Besser als Kaiser Abschied nehmen und nicht recht bald wieder nur ertragen und beim nächsten Misserfolg gefeuert werden. Denn dies ist das gemeinsame Schicksal aller Nationaltrainer. Na denn, Marcello, gut gemacht: Ciao und danke für alles.

Der Autor hat für die Zeitung „La Repubblica“ über die WM in Deutschland berichtet. Übersetzung: Andrea Dernbach

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