Sport : Abschied, der dritte

Michael Jordan hat wieder einmal seine NBA-Karriere beendet – diesmal soll es für immer sein

Matthias B. Krause

Philadelphia. Die falschen Fragen lauerten an jeder Ecke. Was seine Rückkehr aufs Spielfeld den Washington Wizards gebracht habe außer viel Publizität, wäre zum Beispiel eine gewesen. Warum er sich bei den jungen Kollegen nicht habe verständlich machen können, eine andere. Wie es jetzt in seinem Leben weitergehe, ohne seine größte Liebe, das Basketballspiel, eine dritte. Doch die Reporter waren gnädig. Und Michael Jordan sah zur großen, finalen Pressekonferenz seines letzten Spiels nach seinem letzten Rücktritt auch nicht so aus, als sei er willens, jetzt Aufklärung zu geben. Stattdessen hatte er Mühe, die gute Miene zu seinen Worten zu finden.

Der größte Meister des Körbewerfens sprach: „Ich habe dem Spiel physisch alles gegeben, was ich konnte.“ Er lächelte gequält. Jetzt, mit 40 Jahren, machen die Knie definitiv nicht mehr mit. Auch der Rücken streikt. Und die alte Sprungkraft, die zu reichen schien, um die Schwerkraft zu überwinden, ist schon länger dahin. Nach 15 Spielzeiten in der nordamerikanischen Profiliga NBA beendet Michael Jordan zum dritten Mal seine Karriere als NBA-Star, – und diesmal soll es dabei bleiben.

„Das ist mit Sicherheit mein letzter Abschied", sagte Jordan, „niemand muss sich Sorgen machen, dass ich noch einmal ein Trikot anziehe. Ich fühle einfach, es ist vorbei.“ Zum ersten Mal vorbei war es 1993, als Jordan die Chicago Bulls verließ und vorübergehend Baseball-Profi wurde. 1995 kehrte er zu den Bulls zurück. Zum zweiten Mal vorbei war es 1998. Im sechsten Spiel der Play-off-Serie gegen die Utah Jazz verwandelte Michael Jordan in letzter Sekunde den Sieg bringenden Wurf. Das Bild, die sechste Meisterschaft – ein perfektes Ende für den besten Akteur, den dieses Spiel bislang gesehen hat.

Gruß an Fans verweigert

Doch Jordan hielt es nicht lange im Sessel des Sportdirektors bei den Washington Wizards aus, 2001 gab er dem „Jucken“ noch einmal nach. Es ist schwer zu sagen, ob Jordan seine Entscheidung von damals bereut, auch diese Frage wurde ihm an diesem Abend nicht gestellt. Aber leicht waren die letzten beiden Spielzeiten nicht. Auch mit Jordan auf dem Feld verpassten die Wizards die Play-offs zweimal. Schlimmer noch: Mittlerweile gehen die Spannungen im Team so weit, dass sich Headcoach Doug Collins bitter über die „heimtückische Missachtung“ seiner Person beklagt.

Ausgerechnet am vergangenen Montag, nach dem letzten Heimspiel Jordans, rückte Collins damit heraus und vermieste dem Meister so die Abschiedsstimmung. Ohnehin hatte der sich in der Washingtoner Arena nie richtig wohl gefühlt, und so lehnte er es dann auch ab, einen Abschiedsgruß an die Fans ins Mikrofon zu rufen. Doch in Philadelphia, seiner allerallerletzten Station, ist alles anders. Die Basketball-Gänger in der Stadt sind als hart, aber herzlich bekannt. Jordan geben sie schon bei der Vorstellung seines Namens zwei Minuten lang Standingovations. Im letzten Viertel, als Jordan sich gedanklich längst auf seinen Ruhestand eingestellt hat, fordern sie ihn mit rhythmischen Sprechchören wieder aufs Feld: „We Want Mike“. Achtmal stimmen sie ihren Schlachtgesang an, ehe Jordan endlich nachgibt und widerwillig wie ein Rockstar zur Zugabe aufs Parkett trottet.

Kollegen sind froh, dass er weg ist

Er sei „sehr steif“ gewesen, entschuldigt er sich hernach – und wohl auch wenig erbaut darüber, dass seine Wizards mit dem 87:107 erneut eine deftige Niederlage einsteckten. Während seine Nebenleute lustlos ihre Pflicht absolvierten und Jordan sich von seiner ausgiebigen Golfpartie am Morgen erholte, rannten die gastgebenden 76ers ihrem Heimvorteil in der Playoff-Runde hinterher.

Jordan gab sich also noch einmal die Ehre und schloss seine Karriere mit zwei verwandelten Freiwürfen ab. 1072 Spiele hat Jordan absolviert, mit 32 292 Punkten beendete der zweimalige Olympiasieger seine NBA-Karriere. Nur Karreem Abdul-Jabbar (38 387) und der bei Utah Jazz aktive Karl Malone (36 366) trafen häufiger.

Die letzten Sekunden in Jordans letztem Spiel liefen unbeachtet ab, dann zwängte sich Jordan durch das Heer der Abschiednehmer in die Umkleidekabine. Während sich alle so viel Mühe gaben, dem Abend einen würdigen Rahmen zu geben, mochte ausgerechnet Jordans Teamkollege Jerry Stackhouse seine Erleichterung über den Abgang des Meisters nicht verbergen: „Die große Tour ist heute Abend zu Ende gegangen. Ich denke, jeder blickt jetzt nach vorne auf den Beginn einer neuen Ära.“ Einer besseren in Washington, wie Stackhouse und einige seiner jungen Arbeitskollegen glauben.

Sie fühlten sich missachtet, ungeliebt und unterschätzt im Schatten von „His Airness“, doch Collins hat sie schon gewarnt: „Seid vorsichtig mit dem, was ihr euch wünscht.“ Nächste Saison müssen sie den Beweis antreten, dass Jordans letzte Show tatsächlich das war, was sie darin zu sehen meinten: ein großer Ego-Trip eines Helden aus einer vergangenen Zeit.

Ob sie die Chance erhalten, sich zu beweisen, ist zweifelhaft. Jordan verhandelt nun mit dem Mehrheitseigner der Wizards über seine Rolle. Möglicherweise wird er als Sportdirektor in die Hauptstadt zurückkehren, vielleicht auch zum Team des sich neu formierenden Unternehmens in Charlotte stoßen. Bleibt Jordan bei den Wizards, dürfte zunächst das Großreinemachen anstehen. Und es scheint nicht viele zu geben, die in Jordans Augen Gnade finden. Doch das war nicht Thema des großen Abschieds in Philadelphia. Stattdessen sagte Jordan: „Ich gehe als glücklicher Mensch.“ Mal sehen, als was er in der nächsten Saison wiederkommt.

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