Sport : Abschied der Edlen

Heute geht das NOK im neuen Sportverband auf

Sebastian Bickerich

Berlin - Das neue Briefpapier ist schon eingetroffen in der Otto-Fleck-Schneise 12 im Frankfurter Süden. DOSB steht darauf, „Deutscher Olympischer Sportbund“, und wenn der neue Sportverband heute in der Frankfurter Paulskirche gegründet werden soll, dann wird wohl auch das Klingelschild überklebt werden, auf dem noch immer steht: NOK.

Auch die mit viel Optimismus vorgetragenen Aussichten auf die gemeinsame Zukunft mit dem Deutschen Sportbund im neuen DOSB können nicht ganz verdecken, dass sie hier beim Nationalen Olympischen Komitee am meisten zu knabbern haben. Denn auch wenn sich die olympischen Sportverbände die Mehrheit gesichert haben in der Mitgliederversammlung des neuen Sportverbandes, auch wenn von den 23 hauptamtlichen Mitarbeitern niemand um seinen Job bangen muss: Das NOK ist der kleinere Partner der Fusion. Die Angst vor einer Bevormundung durch die Landessportbünde und die Breitensportler bleibt daher groß.

Olympia oder Breitensport, diese Gegnerschaft früher zwischen adligen Edelmännern und proletarisch geprägten Sportverbänden, heute zwischen Träumern einer „olympischen Erziehung“ und jenen, denen die Fitness breiter Bevölkerungsgruppen wichtiger ist – sie ist so alt wie der organisierte Sport. Immer ging es um Grundsätzliches: Was nützt mehr und ist mehr wert? Das war schon vor 110 Jahren so, als Willibald Karl August Gebhardt gegen den Widerstand der Turnerschaft das erste Komitee für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen 1896 in Athen gründete – mit Unterstützung des Kaiserhauses und mit viel blauem Blut im Präsidium. Das war wieder so, als sich nach Krieg und Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten das NOK neu gründete, 1949 in Bonn – damals ein Alleingang der Fachverbände, die unbedingt an den Spielen 1952 teilnehmen wollten. Und wie ist es jetzt?

Walther Tröger bemüht sich noch immer um Fassung. Von Anfang an war der langjährige NOK-Präsident gegen die Fusion, die sein Nachfolger Klaus Steinbach unter dem Eindruck des desolaten Abschneidens bei den Sommerspielen in Athen 2004 zuließ. „Wir waren immer der Libero des deutschen Sports“, sagt Tröger. „Im Gegensatz zum DSB haben wir unsere Mittel selbst generiert.“ Der DSB konnte das auch schlecht, mag man entgegnen, fanden sich doch für stolze Olympioniken immer großzügigere Sponsoren als etwa für den Seniorensport.

Fest steht jedenfalls, dass der DOSB anders als das NOK in weit größerem Maße auf öffentliche Fördermittel angewiesen sein wird. Tröger warnt deshalb leise vor einer drohenden Abhängigkeit von der Politik, wischt das anschließend aber gleich wieder weg, denn jetzt will er „konstruktiv mitarbeiten“ im Präsidium des DOSB. Spiele in Deutschland wie 1972 in München, als er Bürgermeister war im Olympischen Dorf, die sind auch heute noch sein Traum – doch der neue Verband werde die olympische Idee „schon hochhalten“, wie er sagt, aller „Katerstimmung“ in der Otto-Fleck-Schneise zum Trotz.

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