Sport : Abschied eines Nostalgikers

Felix Meininghaus

Als Spieler hätte es das nie gegeben, dass Bernard Dietz einfach aufgibt, mitten in der Saison. Der Mann war beim MSV Duisburg und später dann noch kurz auf Schalke der personifizierte Einsatzwille. Lehmverschmiert ackerte er die linke Seitenlinie rauf und runter. 53 Mal trug er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft, die er 1980 als Kapitän zur Europameisterschaft führte. "Ich kämpfe in jedem Spiel bis zur Erschöpfung", hat der gelernte Schmied mal gesagt, "das bin ich den Leuten schuldig, die ihr Eintrittsgeld bezahlen." Als Trainer sah sich Dietz jedoch der Möglichkeit beraubt, seine Tugenden selbst ins Spiel einzubringen. Statt zu rennen und zu grätschen, musste er seine Spieler von den Vorzügen einer vorbildlichen Einstellung überzeugen. An dieser schwierigen Vermittlerrolle ist Dietz nun gescheitert. Der frühere Musterprofi ist gestern beim VfL Bochum zurückgetreten, weil er mit der "mangelhaften Berufsauffassung einiger Spieler der heutigen Fußball-Generation" nicht zurecht kam.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de "Ich habe mir über Jahre einen Namen aufgebaut, den will ich mir nicht von ein paar Möchtegern-Fußballern kaputt machen lassen", sagte Dietz, nachdem er VfL-Präsident Werner Altegoer von seinem Ausstieg in Kenntnis gesetzt hatte. Sportdirektor Heinz Knüwe bevorzugt nun bei der Suche nach einem Nachfolger "eine schnelle Lösung". An Spekulationen, nach denen Peter Neururer (vor einer Woche in Ahlen gefeuert) und Friedhelm Funkel (vor drei Tagen in Rostock entlassen) als Kandidaten in Frage kommen, will sich Knüwe "nicht beteiligen".

Ausschlaggebend für die zu diesem Zeitpunkt überraschende Entscheidung von Dietz war unter anderem ein Disco-Besuch der Spieler Dariusz Wosz und Delron Buckley nach dem 1:1 gegen Greuther Fürth. Dietz wird in erster Linie die beiden Bochumer Stars gemeint haben, wenn er von "ein paar faulen Äpfeln in meiner Mannschaft" spricht. Der einstige Nationalspieler und ehemalige Herthaner Wosz wehrte sich denn auch prompt gegen die Kritik: "Es kann nicht sein, dass für alles Schlechte Dariusz Wosz und Delron Buckley verantwortlich gemacht werden. Ich bin 32 Jahre alt, und mir muss niemand sagen, was Professionalität ist", sagte Wosz. "Niemand spielt absichtlich schlecht, wir lassen doch kein Geld auf dem Platz liegen."

Bereits nach dem 0:3 in Reutlingen hatte sich der Trainer über Spieler beklagt, die "lachend vom Spielfeld gehen. So etwas kann ich nicht akzeptieren". Die Liaison zwischen Bernard Dietz und dem VfL Bochum ist also frühzeitig gescheitert. Die ehrliche Haut und die Profi-Fußballer - das könne nicht gut gehen, hatten viele von Beginn an befürchtet und dürfen sich nun bestätigt sehen.

Tief im Westen, wo sie früher stolz darauf waren, Fußball zu arbeiten und nicht zu zelebrieren, ist das Weltbild schon lange in Schieflage geraten. Vorbei die Zeiten, da sich der VfL Bochum mit nimmermüdem Einsatz die Ehrenbezeichnung "unabsteigbar" verdiente. Der Klub von der Castroper Straße musste dieses Jahr bereits den vierten Gang in Liga zwei antreten. Das allein bedeutete für die VfL-Anhänger keinen Weltuntergang, sie sind es gewohnt zu leiden. Doch dass sich ihre Lieblinge im Gegensatz zu früher ohne erkennbare Gegenwehr in ihr Schicksal fügen, das schmerzt gewaltig.

In dieser Saison sollte nun der Mann die Kehrtwende schaffen, der wie kein anderer für die verloren gegangenen Malochertugenden steht. Schon zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung überraschte es, dass es Dietz noch einmal mit den Profis aufnehmen wollte. Vor zwei Jahren hatte der 53-Jährige seine Tätigkeit bei der Bundesligatruppe des VfL nach dreimonatigem Schaffen erstmals eingestellt und sich wieder den Amateuren gewidmet.

Sein damaliges Fazit fiel vernichtend aus. Mit dem "Haifischbecken Bundesliga" wolle er nichts mehr zu tun haben, sagte Dietz seinerzeit: "Mich macht es einfach bekloppt, dass sich im Fußball alles nur noch um Kohle und Selbstdarstellung dreht. Wir haben 30 Prozent Fußball und 70 Prozent Show."

Bernard Dietz, den sie im Revier seit Jahr und Tag Enatz rufen, hat sich schon mit seiner Abrechnung an den Weihnachtstagen des Jahres 1999 viel Respekt erworben: Endlich mal einer, der es ausspricht, dachten und sagten viele. Dennoch ließ er sich überreden, den Weg zurück ins ungeliebte Rampenlicht zu gehen. Beim freien Fall des VfL habe er sich gedacht, "verdammt nochmal, das sind doch alles Jungs, die es drauf haben, die muss mal einer in die Pflicht nehmen". Doch das war leichter gesagt als getan: Immer wieder forderte Dietz vergeblich Tugenden wie Leidenschaft und Engagement ein. Nach fünfzehn Spielen liegen die Bochumer als Fünfter mit zwei Punkten Abstand auf die Aufstiegsränge zwar durchaus im Soll, doch das allein reichte dem Trainer nicht.

Der treue Enatz ist mit seinem Idealismus an die Grenzen gestoßen. Die glitzernde Show-Bühne des Fußball-Business, das ist einfach nicht die Welt eines Mannes, der mit seiner Frau am Rande des Münsterlandes im 1800-Seelen-Örtchen Walstedde vor allem "Ruhe und Beschaulichkeit" sucht, wie er sagt. Bernard Dietz ist gescheitert an seinem Anspruch, den Fußballern von heute Werte von gestern zu vermitteln. Nichts ist es geworden mit dem Ziel, einen Gegenentwurf zu schaffen zum Profi- und Profitgeschäft Fußball-Bundesliga. Am Ende seines Weges beim VfL Bochum steht Bernard Dietz als Nostalgiker da. Ein Träumer, der sich verschätzt hat.

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