Sport : Abschied ohne Titel

Luis Figo hat es Portugal nicht immer leicht gemacht

Sven Goldmann

Berlin - Da ist dieses Tor. 12. Juni 2000, in Eindhoven, das erste Vorrundenspiel der Europameisterschaft. England hat ein schnelles 2:0 gegen Portugal vorgelegt, da kommt Luis Figo an den Ball. Er treibt ihn über den halben Platz, den Kopf majestätisch nach oben gerichtet, immer auf der Suche nach einer Anspielstation, aber er findet keine, also schießt Figo, aus 25 Metern mit dem rechten Fuß, schnurgerade ist die Flugbahn des Balles, und dann schlägt er im rechten oberen Dreieck ein. Englands Torhüter David Seaman hat freie Sicht und unternimmt doch nicht einmal den Versuch einer rettenden Parade. Was für ein Schuss!

Dieses Tor ebnet Portugal den Weg zum 3:2-Sieg im spektakulärsten Spiel des Turniers, und spätestens jetzt ist Luis Figo ein Weltstar. Real Madrid kauft ihn von der EM weg für 59,3 Millionen dem FC Barcelona ab, ein Jahr später wird Figo zum Weltfußballer des Jahres gewählt. Er ist auf dem Höhepunkt seines Leistungsvermögen angelangt, aber die EM endet für Figo so tragisch wie sechs Jahre später die Weltmeisterschaft in Deutschland. Beide Male ist Frankreich im Halbfinale zu stark für die Portugiesen, beide Male schießt Zinedine Zidane das Siegtor. Zidane ist Figos Schicksal. Am Mittwoch, nach dem K.o. im Halbfinale, hat Figo sich das Trikot des Franzosen als letzte Trophäe gesichert. Zwei, drei Minuten lang stehen die beiden im Mittelkreis und führen ein letztes Gespräch unter Fußballprofis. Zidane hat gestern seine Karriere im Finale von Berlin beendet, für Figo war bereits am Samstag Schluss. Beim 1:3 im Spiel im Platz drei hat er das letzte seiner 127 Länderspiele bestritten. Für Inter Mailand will er weiterspielen, in der Nationalmannschaft ist Schluss. „Ich habe alles versucht, die Mannschaft hat alles versucht. Es hat nicht gereicht“, sagt Figo.

Trainer Luiz Felipe Scolari hat ihn zum Abschied 77 Minuten lang auf der Bank sitzen lassen. War das respektlos gegenüber dem großen, alten Mann des portugiesischen Fußballs? Figo hat sich mit Schmerzen im Oberschenkel durch die WM gequält, schon für das Halbfinale hatte ihn der Mannschaftsarzt fit gespritzt. Scolari wusste, dass sein Kapitän nicht das ganze Spiel durchgehalten hätte. Was ist respektloser: Ihn nach einer Stunde im letzten Länderspiel vom Platz zu nehmen? Oder ihn eine Viertelstunde vor Schluss einzuwechseln und ihm damit die Gelegenheit zu geben, gegen müde gewordene Abwehrbeine noch ein paar glanzvolle Momente zu inszenieren?

Luis Figo hat es Portugal nicht immer leicht gemacht. Er ist im Lissabonner Armenviertel Almada aufgewachsen, aber dort hat er sich schon lange nicht mehr blicken lassen. Als Portugal bei der EM 2004 in Lissabon England im Elfmeterschießen niederrang und ins Halbfinale einzog, feierte das ganze Land. Nur Figo saß beleidigt in der Kabine, weil Trainer Scolari ihn ausgewechselt hatte. Immer wieder hat er erzählt, er werde mal bei Sporting Lissabon seine Karriere ausklingen lassen. Doch als Real Madrid ihn vor einem Jahr abschob, war ihm Inter Mailand näher als die Heimat. Und aus der Nationalmannschaft ist er auch schon mal zurückgetreten, als es nach der EM nicht mehr so gut lief.

In Deutschland aber hat Figo es allen noch einmal gezeigt. Er ist gedribbelt wie in jungen Jahren, hat Tore vorbereitet und einmal den verletzten Deco als Spielmacher vertreten. Erst als von Spiel zu Spiel die Belastungen größer wurden, wollte die Muskulatur nicht mehr. Im Halbfinale gegen Frankreich ist ihm wenig gelungen. Aber er ist immer noch Luis Figo und damit gut für die speziellen Momente. Das zeigt er auch zum Abschied, nach seiner späten Einwechslung in Stuttgart. Noch einmal dribbelt er über den rechten Flügel, Marcell Jansen hält respektvoll Abstand. Körpertäuschung in die Mitte, außen vorbei, auf den ersten Metern ist Figo noch immer einer der Besten der Welt. Seine Flanke köpft Nuno Gomes zum 1:3 ins Tor. Ein schöner Abschluss für Figo und ein Dejavu: Auf ähnliche Art hatte Gomes vor sechs Jahren das 3:2 gegen England erzielt. Am 12. Juni 2000, dem Tag, als Luis Figo endgültig zum Weltstar aufstieg.

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