Sport : Abschied vom Pokal

Der Favorit Brasilien geht gegen Holland schon früh in Führung und verliert am Ende im Viertelfinale doch noch 1:2 – die Niederländer dürfen nun selbst als Anwärter auf den Titel gelten

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Letzte Enttäuschung.
Letzte Enttäuschung.Foto: REUTERS

Wesley Sneijder nahm Tempo auf, verfolgt von seinen Kollegen, die ihn herzen wollten und beglückwünschen, doch Sneijder wehrte sie alle ab und schlug sich immer wieder mit der flachen Hand auf den kahl rasierten Schädel. Später hat der 170 Zentimeter kleine Mittelfeldspieler von Inter Mailand erzählt, „dass ich noch nie ein Kopfballtor erzielt habe“, und dann war es auch noch ein so wichtiges. Sneijder war der Mann des Nachmittages beim überraschenden 2:1 (0:1)-Sieg der Niederlande im WM-Viertelfinale über Brasilien. Bevor er in der 68. Minute seinen Kopf so gewinnbringend einsetzte, hatte er schon mit einer Flanke das Eigentor von Felipe Melo zum 1:1 eingeleitet. Dank Wesley Sneijder hat die Weltmeisterschaft am Freitag einen Favoriten verloren und einen neuen gewonnen. In einer mitreißenden zweiten Halbzeit drehten die Niederländer ein fast schon verloren geglaubtes Spiel und beflügelten die Hoffnungen ihrer Landsleute, in Südafrika möge sich der Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft endlich einmal erfüllen. „Ich bin nach Südafrika gefahren, um Weltmeister zu werden“, sagte Trainer Bert van Marwijk in Port Elizabeth.

Nichts anderes hatten die Brasilianer von Carlos Dunga erwartet, und weil er auf dem Weg dorthin schon so früh scheiterte, dürfte seine Zeit auf der Trainerbank des Rekordweltmeisters am Freitag abgelaufen sein. Wegen seines rationalen Stils hat er in Brasilien ohnehin nicht allzu viele Freunde. „Ich bin 2006 für vier Jahre angetreten, und natürlich stehe ich als Trainer dieser Mannschaft in der Verantwortung“, sagte Dunga. „Wir sind alle sehr traurig. Mit dieser Niederlage haben wir nicht gerechnet. Leider hat uns in der zweiten Halbzeit die Konzentration gefehlt.“

Viel zu wenig hatte seine Mannschaft gemacht aus einer unverhofften Schwächung des Gegners. Weil sich der Hamburger Joris Mathijsen beim Aufwärmen am Knie verletzte hatte, musste Trainer van Marwijk kurzfristig die Innenverteidigung umstellen. Für Mathijsen rückte André Ooijer vom PSV Eindhoven in die Innenverteidigung. Ergebnis dieser Umstellung war der frühe Rückstand nach gerade zehn Minuten. Felipe Melo spielte einen schnurgeraden Pass durch die noch um Orientierung bemühte niederländische Innenverteidigung. Viel zu groß war die Lücke zwischen Ooijer und seinem Nebenmann John Heitinga, auch Nigel de Jong fühlte sich nicht zuständig. Robinho machte sich gar nicht erst die Mühe, den Ball zu stoppen, er drosch ihn direkt und aus vollem Lauf vorbei an Torhüter Maarten Stekelenburg zum 1:0.

Denkbar früh hatten die Brasilianer die Voraussetzungen geschaffen für etwas, was man von ihnen selten sieht. Sie spielten Konterfußball. Kunst ist in diesem System nur ausnahmsweise erlaubt. Einmal schlängelte sich Robinho an zwei Holländern vorbei und spielte weiter auf Luis Fabiano. Dessen Hackenkick brachte Kaká in Position, doch Stekelenburg verhinderte mit einem Reflex, dass der Ball im rechten oberen Tordreieck landete. „Das war eine großartige Parade, sie hat uns im Spiel gehalten“, lobte Wesley Sneijder.

Die Brasilianer erzielten später zwar noch ein Tor, aber es war eines, das allein die Holländer jubeln ließ. Sneijders Flanke kurz nach der Pause war nicht einmal besonders gefährlich. Torhüter Julio Cesar wollte gerade mit der Faust dazwischen gehen, da ging Felipe Melo mit dem Kopf dazwischen und ermöglichte dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zum Ausgleich.

Die Brasilianer reagierten nervös. Lucio ging bei einem Rettungsversuch im Strafraum so ungeschickt zum Ball, dass er ihn mit der Hand berührte und Glück hatte, dass der schlecht postierte japanische Schiedsrichter Yuichi Nishimura nichts gesehen hatte. Diese Szene stand symptomatisch für die plötzliche Unruhe in der brasilianischen Defensive. Auch beim holländischen Siegtor fehlte jede Ordnung, und das nach einer Ecke, einer Standardsituation, wie sie einer Weltklassemannschaft nicht zum Verhängnis werden darf. Alles ging ganz schnell und einfach in dieser 68. Minute: Arjen Robben schoss von rechts, Dirk Kuyt verlängerte auf Sneijder, der ebenfalls per Kopf ins linke Eck traf. „Das haben wir im Training geübt“, verriet Kuyt nach dem Spiel. Als dann Felipe Melo für ein übles Nachtreten gegen Robben Rot sah, war das Spiel gelaufen. Brasilien drückte, Brasilien stürmte, aber Brasilien schoss kein Tor mehr. Fünf Minuten vor Schluss vergab Kaká die letzte Chance.

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