Sport : Abschied von Amerika

Nach dem Skandalrennen von Indianapolis scheint die Formel 1 in den USA keine Zukunft mehr zu haben

Karin Sturm

Berlin - Den Sonntagnachmittag hatte sich Flavio Briatore anders vorgestellt. Der Teamchef von Renault hatte eine Gruppe von Investoren aus Las Vegas zum Rennen nach Indianapolis eingeladen. Briatore wollte den Herren die in den USA nicht eben populäre Formel 1 schmackhaft machen, schließlich hatte er die Idee von einem zweiten Grand-Prix in den USA, am besten in Las Vegas. Briatores Werbeveranstaltung hätte dann aber kaum trister sein können. Für ihn war das – nach dem Rückzug der mit Michelin-Reifen fahrenden Teams – mit nur sechs Autos gestartete Rennen auch eine persönliche Pleite: Briatores Gäste erlebten das traurigste Bild, das die Formel 1 je abgegeben hat. Der Weltverband Fia sprach von einem „Boykott“ der nicht angetretenen Teams und bestellte sie zu einer Anhörung am 29. Juni nach Paris.

„Über weitere Rennen in den USA muss man jetzt wohl erst einmal nicht mehr reden“, sagte Bernie Ecclestone. Der Formel-1-Boss versucht genauso wie viele Sponsoren seit langem, den Markt in den USA für seine Serie zu erobern. Bis Ende der Achtzigerjahre war die Formel 1 in den USA schon mal präsenter als heute, zum Teil sogar mit mehreren Rennen pro Saison. Doch dann gewannen Serien wie Nascar oder Champ-Car immer mehr die Oberhand. Das vorerst letzte Formel-1-Rennen fand 1991 in Phoenix statt. Den Deal mit Indianapolis für einen neuen Grand Prix in den USA heftete sich Ecclestone im Jahr 2000 als einen großen Erfolg an seine Brust.

Doch jetzt steht sogar die Austragung des nächsten Rennens in Frage, obwohl es dafür einen Vertrag gibt. Die Fans, vor dem Start nicht darüber informiert, dass die Teams mit Michelin-Reifen wegen Sicherheitsbedenken nicht starten wollten, hatten kein Verständnis für die Mini-Besetzung. Viele forderten ihr Eintrittsgeld zurück. Sieger Michael Schumacher meinte zwar, so dramatisch sei das alles nicht: „Ich denke langfristig wird das Interesse schon wiederkommen. Und es sind viele Fans bis zum Rennende geblieben, denen hat es offensichtlich Spaß gemacht.“ Doch mit diesem Zweckoptimismus steht Schumacher alleine da. „Wenn wir hier überhaupt wieder fahren, dann kommt höchstens die Hälfte der Leute“, sagte Red-Bull-Pilot David Coulthard. Teamchef Peter Sauber sieht es ähnlich: „Es ist nicht einfach, die Formel 1 in Amerika zu etablieren und wenn man so einen Unfug macht, wird sich das Klima sicher nicht verbessern.“

Das Klima war schon am Sonntag miserabel. Es wurden sogar Teammitglieder beim Verlassen der Strecke von Fans tätlich angegriffen. Der US-Veranstalter denkt an eine Schadenersatzklage. Streckenbesitzer Tony George veröffentlichte die Adressen der Formel-1-Organisatoren, „damit die Leute sich dort beschweren können“. Und die Tageszeitung „Indianapolis Star“ titelte : „Goodbye Formel 1“.

Der Imageschaden der Formel 1 in den USA scheint irreparabel. Red-Bull-Sportchef Helmut Marko kann das verstehen: „Die Leute mussten den Eindruck bekommen, sie hätten es mit einem Haufen arroganter Europäer zu tun, denen die Interessen des amerikanischen Publikums völlig egal sind.“ Da Red Bull in den USA expandieren will, war das österreichische Unternehmen einer der vielen europäischen Verlierer von Indianapolis.

Gewinner waren dagegen nur die amerikanischen Serien, denen sich die Fans nun wohl wieder verstärkt zuwenden werden. Die Manager der Champ-Car-Serie reagierten auch schon auf die Panne in der Formel 1: Besitzer eines Tickets von Indianapolis haben am Wochenende beim Rennen in Cleveland freien Eintritt.

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