Sport : Abschied von der Unbeschwertheit

Lange verliefen die Karrieren von Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski synchron – nun scheinen sich ihre Wege zu trennen

Stefan Hermanns[Rostock]

Jan Schlaudraff, der sich nun auch Nationalspieler nennen darf, hat sich selbst in seinem Länderspiel-Debüt noch die Begeisterungsfähigkeit eines Fans bewahrt. Der Aachener war beim 2:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 25 Minuten vor dem Ende eingewechselt worden, und hinterher fand er es vor allem beeindruckend, „selbst auf dem Platz zu stehen, als gerade die Entscheidung fällt“. Gerade zwei Minuten waren seit Schlaudraffs Einwechslung vergangen, als Michael Ballack den Ball zum 2:0-Endstand ins georgische Tor schoss. Schlaudraffs Beitrag zu diesem Treffer beschränkte sich auf bloße Präsenz auf dem Feld.

Lukas Podolski konnte nicht einmal das von sich behaupten. 20 Minuten vor dem 2:0 musste er den Platz verlassen, nicht ganz freiwillig und doch mit einem gewissen Vorsatz. Nach einem Foul im Mittelfeld hatte er mit seinem schwachen rechten Fuß nach seinem Gegenspieler Zurab Chisanischwili ausgetreten und diesen am Schienbein getroffen. Der Tathergang ließ sich später lückenlos rekonstruieren. „Ich hatte den Ball angenommen, er hat von hinten geschlagen. Da habe ich ausgeholt“, gestand Podolski. „Absicht war das nicht“, eher ein Reflex. Dass Chisanischwili ebenfalls die Gelbe Karte sah (und später Gelb-Rot), wollte der Täter nicht unerwähnt lassen, „also hat er auch was gemacht“. Trotzdem sah der Münchner die Rote Karte, die erste überhaupt in seiner Karriere. Weil die Sperre nur für Freundschaftsspiele gilt, wird Podolski am Mittwoch in der EM-Qualifikation gegen die Slowakei spielen dürfen. „Ich habe ja keinen Menschen umgebracht“, sagte er.

Sein Vergehen war gravierend genug, um rund um den Tatort ein deutsch-georgisches Rudel entstehen zu lassen, und es war nur dem beherzten Eingreifen eines georgischen Spielers zu verdanken, dass Bastian Schweinsteiger in einem Akt falsch verstandener Solidarität nicht ebenfalls handgreiflich werden konnte. Podolski und Schweinsteiger alias Poldi und Schweini verbindet ein geradezu symbiotisches Verhältnis: Ihre Karrieren sind bisher in einer erstaunlichen Synchronität verlaufen, jetzt aber scheinen sie einen Punkt erreicht zu haben, an dem die Entwicklungen voneinander abgekoppelt wurden.

Podolski, 21 Jahre alt, und Schweinsteiger, 22, sind gleichzeitig – kurz vor der Europameisterschaft 2004 – in die Nationalmannschaft berufen worden, sie haben anschließend beide unter dem EM-Blues gelitten, sie haben annähernd gleich viele Länderspiele angehäuft (Schweinsteiger 39, Podolski 36), waren im Sommer 2005 die großen Entdeckungen des Confed-Cups und hatten danach erneut Schwierigkeiten, sich an den Ligaalltag zu gewöhnen. Nach der Weltmeisterschaft scheint nun zumindest Bastian Schweinsteiger die Post-Turnier-Depression erspart zu bleiben.

In seiner fünften Saison als Profi darf sich Schweinsteiger erstmals als Stammspieler bei den Bayern fühlen, Trainer Felix Magath hat dem Mittelfeldspieler nach der WM sogar eine Führungsrolle zugedacht. „Ich will das auch annehmen“, sagt Schweinsteiger. In der Nationalelf ist sein Gestaltungswille noch stärker zu spüren als bei den Bayern. Seitdem Joachim Löw Bundestrainer ist, haben die Deutschen 19 Tore erzielt, an acht war Schweinsteiger beteiligt. Gegen Georgien hatte der Münchner den Auftrag, zusammen mit Michael Ballack den neuen jungen Spielern eine Stütze zu sein. Sie waren mehr als das. Schweinsteiger bereitete Ballacks Tor zum 2:0 vor, Ballack wiederum hatte Schweinsteiger in der ersten Halbzeit jenen Ball vorgelegt, den dieser dann zum 1:0 ins Netz wuchtete. „Wichtig ist, dass er ihn so herschießt, den Rest mach’ ich dann“, sagte Schweinsteiger.

Für einen solch leichten Umgang mit den Schwernissen des Alltags war bisher vor allem Lukas Podolski bekannt. Dem aber fällt zurzeit wenig leicht. Bisher war zumindest die Nationalelf ein Ort der Unbeschwertheit für Podolski. Bundestrainer Löw hat dem Stürmer eine umfassende Einsatzgarantie gegeben. Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann hatte vor zwei Jahren Schweinsteiger immer wieder nominiert, obwohl der bei den Bayern im Regionalligateam spielen musste. Podolski hat seit seinem Wechsel nach München nur zweimal in der Startelf gestanden. „Ich verstehe gar nicht, warum da immer so ein Theater gemacht wird“, sagte er, doch schon bei der WM, als ihm anfangs nicht besonders viel glückte, hat seine Strahlemann-Fassade tiefe Risse bekommen. Lukas Podolski ist ein sehr viel gefühligerer Mensch, als er das selbst zugeben will. Auch deshalb wurde sehr schnell ein Zusammenhang hergestellt zwischen seiner unbefriedigenden Situation in München und der Tätlichkeit in Rostock. „Klar, dass das jetzt kommt, aber das hat damit nichts zu tun“, sagte Podolski. „Ich bin ja nicht frustriert oder unglücklich. Ich bin zufrieden – auch wenn ich auf der Bank sitze.“

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