Sport : Abschied von Eau Rouge

Mit dem Aus für die Rennstrecke in Spa-Francorchamps verliert die Formel 1 ihre legendärste Kurve

Christian Hönicke

Spa-Francorchamps. Es ist still geworden auf der Straße von Spa nach Francorchamps. Auch im berühmten Streckenabschnitt von La Source bis Eau Rouge, wo der plätschernde Bach neben der Strecke nach fast acht Jahrzehnten wieder zu hören ist. Keine 900-PS-Monster mehr, die ins Tal donnern und das rauschende Wasser übertönen.

Das belgische Parlament hat sich am Mittwoch für ein Tabak-Werbeverbot ab 2003 entschlossen. Deswegen steht der Circuit Spa-Francorchamps, seit 1950 fast ununterbrochen Austragungsort des Grand Prix von Belgien, nicht mehr im Kalender der von der Tabakindustrie abhängigen Formel 1. Eine Rückkehr ist praktisch ausgeschlossen.

Das ist tragisch für die Region in den Ardennen, die außer viel Wald, Vieh und Weideland praktisch nichts zu bieten und die Hälfte ihres Jahresumsatzes am Grand- Prix-Wochenende gemacht hat. Aber es ist auch ein Verlust für die Formel 1. An keiner anderen Strecke war die Faszination puren Rennsports so greifbar, waren Boxenluder und Business so weit weg wie in Spa.

Das liegt daran, dass der Kurs aus Straßen in einem Wald entstand und nicht von einem Architekten entworfen wurde. Bestes Beispiel: Eau Rouge. Kein Designer würde auf die Idee kommen, eine Kurve wie eine Skisprungschanze zu gestalten. Die Natur schon. Bergab ging es, auf den Anstieg zu, der einer schwarzen Wand ähnelte. Wenn die Wagen mit knapp 300 km/h in sie einschlugen und sie im Zickzack erklommen, setzten sie auf und versprühten Funken. Oben, hinter dem Hügel konnte man die Boliden wegen des steilen Winkels für Sekundenbruchteile nicht sehen. Jedes Mal musste man mit einem Unfall rechnen. Das Wiederauftauchen der kreischenden Autos auf der Kuppe hatte etwas Sensationelles.

Dem ständigen Auf und Ab verdankte Bruce McLaren seinen zweiten Platz 1964: Obwohl ihm der Sprit ausgegangen war, rollte sein Wagen bergab ins Ziel. Auf modernen, flachen Pisten wie Magny-Cours hätte er auf solche Unterstützung verzichten müssen. Auch die Gerade nach Eau Rouge bot etwas in der Formel 1 Seltenes: eine Überholmöglichkeit. Vor zwei Jahren ereignete sich hier eines der spektakulärsten Überholmanöver aller Zeiten, als Mika Häkkinen gleichzeitig an einem Überrundeten und Michael Schumacher vorbeizog.

Früher, als die Strecke mit 14 Kilometern noch doppelt so lang war, ging es an dieser Stelle erst richtig los: Fangio, Clark oder Brabham rasten noch vorbei an Kuhweiden, Strommasten, Bushaltestellen, durch Dörfer, über Gullydeckel und Brücken mit Steinmauern. Doch das war irgendwann selbst den Hasardeuren in den Sechzigern zu gefährlich, also wurde die Strecke verkürzt.

Langweiliger wurde sie dadurch nicht. Die Fans an den Naturhängen des neuen Abschnitts mussten sich an den Bäumen festketten, um nicht abzurutschen, wenn es regnete. Und es regnete oft in Spa. Doch auch im Trockenen schlängelte sich die Strecke wie ein Fluss unter ihnen durch den Wald, die Autos ritten wie kleine, flinke Schiffe auf ihm. Mit jeder Runde konnte man sehen, wie die Fahrer der Schiffe immer tiefer in dessen Sog gerissen wurden, berauscht vom schwungvollen Verlauf des Asphaltstroms.

Folgte man ihm, hielt er kurz vor Blanchimont, der schnellsten Kurve in der Formel 1, ein besonderes Gefühl bereit. Auf Pisten wie dem Hungaroring hetzen die Wagen an riesigen Kiesbetten vorbei. Das macht es unmöglich, die Geschwindigkeit einzuschätzen. In Spa war sie fühlbar, genau an dieser Stelle.

Denn die Schnelligkeit eines Objekts wird einem erst bewusst, wenn es wie hier an so banalen Dingen wie Häusern oder Bäumen vorbeiflitzt. Sie machen allen klar, dass es kein Spiel ist. Wenn Sachen so dicht an der Strecke stehen, kommt einem die Straße wie ein schmaler Schlauch vor, sagen die Piloten.

Vermutlich hatten sie deswegen so viel Respekt vor dem Kurs. Er galt als untrüglicher Test fahrerischer Begabung, den nur die Besten bestanden: Fangio, Clark, Prost, Senna, Schumacher. Ohne diesen Test ist die Formel 1 irgendwie keine richtige Weltmeisterschaft mehr. Und kaum noch aufregender als das Plätschern des Bachs bei Eau Rouge.

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