Sport : Abschied von einer Tradition

Nenad Canak ist zurzeit Albas einziger Basketballer aus dem früheren Jugoslawien – der Klub setzt jetzt auf Amerikaner

-

Berlin - Als einer der ersten Spieler strebt Nenad Canak dem Ausgang der Trainingshalle zu. Der schlaksige Basketballprofi von Alba Berlin hat es zwar nicht eilig, aber es gibt für ihn nichts mehr mit seinen Teamkollegen zu besprechen. Tags zuvor war der Serbe länger geblieben, weil er sich noch mit seinem Landsmann Jovo Stanojevic unterhalten hatte, der im Kraftraum Gewichte stemmte. Am regulären Training kann der knieverletzte Centerspieler noch nicht teilnehmen, sehr zum Bedauern von Nenad Canak. „Ich vermisse meine Leute“, sagt der 2,04 Meter große Forward, „mit ihnen konnte ich in meiner Sprache reden.“

Nenad Canak ist zurzeit der letzte Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien bei Alba Berlin. Wenn der Klub heute in der Max-Schmeling-Halle (19.30 Uhr) in der Basketball-Bundesliga den Aufsteiger Paderborn empfängt, wird er erneut der Einzige bei Alba sein, der serbo-kroatisch spricht. Dabei besitzt der Verein seit seiner Gründung 1991 eine lange Tradition mit Spielern und Trainern aus dem ehemaligen Jugoslawien. Von Faruk Kulenovic und Zoran Radovic über Svetislav Pesic, Teoman Alibegovic und Sasa Obradovic bis zu Emir Mutapcic, Marko Pesic, Dejan Koturovic und anderen. Zwar zählen die Rehabilitanden Jovo Stanojevic und Matej Mamic auch in dieser Saison zu Albas Kader. Doch unter Henrik Rödl, Albas erstem nicht-jugoslawischen Headcoach, hat der Verein in zwei Jahren nur noch einen Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien neu verpflichtet: Nenad Canak.

Im aktuellen Team stehen hingegen sechs Spieler, die aus den USA stammen oder - wie der Kameruner Ruben Boumtje Boumtje und der Nigerianer Koko Archibong - dort heimisch sind. Albas Trainer Henrik Rödl betont, dass dies keine bewusste Abkehr von der jugoslawischen Tradition sei. „Wir haben die Mannschaft nach individuellen Fähigkeiten und nicht nach Nationalitäten zusammengestellt“, sagt er. Außerdem haben sich seit 2005 die Regularien in der Bundesliga geändert, nun ist die Ausländerbegrenzung aufgehoben. Alle Klubs verpflichten seitdem Amerikaner. „Ich weiß nicht, was Svetislav Pesic gemacht hätte, wenn er jetzt Trainer bei Alba Berlin wäre“, sagt Rödl.

Nenad Canak spricht nun im Training vor allem Englisch. Er erlebt gegenwärtig auch sportlich keine einfache Zeit, er sagt: „Ich muss besser spielen und werfen.“ Der Routinier sucht noch seine Rolle im neuformierten Alba-Team, in Karlsruhe (65:63) spielte er nur neun Minuten und traf keinen einzigen Feldwurf. In der Vorsaison stand er durchschnittlich 19 Minuten auf dem Feld, doch in dieser Saison konkurrieren mehr Spieler auf den langen Positionen. „Wir haben elf gute Spieler“, sagt Rödl, „es ist wichtig, dass auch die Qualität von der Bank sehr hoch ist.“ Das sei Canaks Rolle. Albas Trainer findet, dass der Serbe gegen Oldenburg (91:69) seinen Durchbruch in dieser Saison gehabt hätte, als er vier von vier Dreiern traf. Der in Zagreb geborene Flügelspieler sieht das kritischer. „Da war das Spiel doch schon entschieden“, sagt er.

Es ist nicht so, dass der zurückhaltende Canak in Berlin keinen Anschluss hätte. In seiner Freizeit unternehmen er und seine Familie einiges mit Jovo Stanojevic und Matej Mamic. „Aber die beiden fehlen im täglichen Training“, sagt er. Das dürfte sich auch so bald nicht ändern. Während die Ärzte Mamics Chancen auf ein Comeback nach seiner zeitweiligen Querschnittslähmung nur noch auf 20 Prozent beziffern, könnte Stanojevic vielleicht im Januar zurückkehren. Mindestens für einige Monate wird Nenad Canak also Albas letzter Jugoslawe bleiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben