Sport : Abschlussball

Justine Henin ist nicht die erste Tennisspielerin, die vor dem Druck der Branche kapituliert

Anke Myrrhe,Petra Philippsen

Berlin - Aus der Weltrangliste ist sie verschwunden, Justine Henin wollte, dass ihr Schnitt radikal vollzogen wird. Sie trat zurück als Profi-Tennisspielerin, als Weltranglistenerste, von einem Tag auf den anderen, das wollte sie überall dokumentieren. Also meldete sich die Belgierin selber bei der Spielerinnen-Organisation WTA, einen Tag nach ihrer Abschiedsrede am Mittwoch, und ließ sich aus der Rangliste streichen. Am Montag wird die neue Rangliste erscheinen, die Nummer eins wird Maria Scharapowa aus Russland heißen.

Oberflächlich betrachtet war es ein Aus von heute auf morgen. In Wirklichkeit aber war es der Endpunkt einer längeren Entwicklung. Sinnkrise, Leidensmomente, Schicksalsschläge, Übersättigung. Und die 25-jährige Henin ist nur das jüngste Beispiel einer Spielerin, die eine solche Entwicklung durchmacht. Es gibt viele andere, bekannte Spielerinnen, die unter dem Druck der Branche leiden. Manche von ihnen sind plötzlich und unerwartet zurückgetreten.

Martina Hingis zum Beispiel. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, dass es je ein Leben für sie ohne Tennis gegeben hätte. In frühester Kindheit nahm sie ihre Mutter Melanie Molitor unter ihre strengen Fittiche, trainierte sie und ließ ihre Tochter bereits mit fünf Jahren bei Turnieren antreten. Sie wurde mit 15 die jüngste Preisgeld-Millionärin der Tennisgeschichte und zwei Jahre später die jüngste Nummer eins in der Weltrangliste und Grand-Slam-Siegerin. Mit 22 Jahren trat die Schweizerin erstmals zurück, weil sie all das nicht mehr ertragen konnte, was ihr Leben bisher bestimmt hatte. Sie war müde, wollte nachholen, was sie bisher verpasst hatte.

Doch der Wettkampf fehlte ihr schon bald. Reiten, Englisch lernen und Herumhängen genügte ihr nicht: Anfang 2006 kam sie zurück und schaffte es wieder bis auf Rang sechs der Weltrangliste. Nachdem ihr im November 2007 allerdings Kokainmissbrauch nachgewiesen wurde, beendete sie ihre Karriere abermals. „Der tiefe Fall der kleinen Miss Perfekt“, hieß es in der Boulevardpresse. Perfekt aber war ihr Leben jenseits der Fassade sicher nicht. Stets hatte sie versucht, sich von ihrer Mutter abzunabeln und es doch nie richtig geschafft. Ihre wechselnden Beziehungen zu Sportler-Kollegen und ihre Vorliebe für ausgiebiges Feiern mochten eine Reaktion auf das strenge Leben von klein auf gewesen sein. Seelische Wunden scheint es auf jeden Fall hinterlassen zu haben.

Einen ähnlich hohen Preis zahlte Jennifer Capriati dafür, dass ihr Vater Stephano sie schon mit drei Jahren auf dem Tennisplatz antrieb. 1990 spielte die 14-jährige US-Amerikanerin bereits auf der Profitour und schaffte es dabei auf Anhieb ins Halbfinale der French Open. Als sie zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen in Barcelona mit dem Sieg über die favorisierte Steffi Graf die Goldmedaille gewann, schien der sportliche Aufstieg des gefeierten Wunderkindes perfekt.

Doch während der Vater die Vermarktung seiner Tochter eifrig forcierte und den Teenager zur Werbemillionärin machte, wurde Capriati mit dem Erwartungsdruck und dem schnellen Erfolg nicht mehr fertig. Als sie schließlich wegen Ladendiebstahls und Marihuana-Besitzes von der Polizei verhaftet wurde, erreichte der persönliche wie sportliche Abstieg seinen Höhepunkt. 28 Tage verbrachte Capriati in einer Rehabilitationsklinik, doch ihr Leben sollte über Jahre hinweg nicht ruhiger werden. Sie nahm sich 1996 eine Auszeit von der Tour, kehrte drei Jahre später zurück. Drei Grand-Slam-Titel und Platz eins der Weltrangliste schaffte sie während der folgenden drei Jahre, Bestand haben sollte der Erfolg jedoch nicht. Langwierige Verletzungen warfen sie zurück, ebenso wie die schwierige und belastende Beziehung zu ihrem Vater. Derzeit lebt sie mit ihren beiden Hunden in Tampa im US-Bundestaat Florida. Ende 2004 hat sie ihr letztes Match bestritten.

Barbara Rittner, die Teamchefin der deutschen Fedcup-Mannschaft, empfindet solche Brüche in Biographien nicht als ungewöhnlich. Sie begann ihre Karriere mit 16 Jahren, 15 Jahre zog sie mit dem Tour-Zirkus um die Welt, gewann dabei zwei Einzelturniere und den Fedcup. 2004 ist sie ausgestiegen, jetzt ist sie 35, ledig und kinderlos. „Die Mädchen kommen schon viel jünger auf die Profitour und reisen dann viel“, erklärt sie. „Die Jungs kommen meist erst mit 18 oder 19 auf die Tour, dann ist man schon etwas gefestigter und lässt sich nicht so leicht falsch beraten.“ Die Spielerinnen seien ständig von Leuten umgeben, die Einfluss nehmen wollen und die sich zum Teil nur angeblich auskennen. Aber auch diese Leute gehören zur großen Tennis-Szene. Es ist eine abgeschlossene Welt. Eine Welt, aus man schwer ausbrechen kann. Eine Beziehung zu führen, sei schwierig, sagt Rittner. „Man sieht sich natürlich nur sehr selten. Und wenn man Kinder haben möchte, wird es noch komplizierter.“

Ein auf den Sport fixiertes Leben führt bei den Spielerinnen manchmal zu einem Tunnelblick. „Durch den ganzen Stress ist man auch im Privatleben nicht immer ausgeglichen“, sagt Rittner. „Frauen sind emotionaler als Männer. Die haben eine andere Art, mit dem Druck umzugehen.“ Rittner hatte genug vom dem Druck. „Ich denke, ich habe für mich den richtigen Zeitpunkt gefunden, aufzuhören. Ich wollte mich nicht mehr tagtäglich auf kleinen Turnieren abrackern.“

Justine Henin wird jetzt erstmal das Leben genießen. Sie will endlich einen Sport betreiben, den sie bisher nie machen durfte. Weil sie sich doch dabei verletzen könnte. Justine Henin möchte endlich mal Skifahren.

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