Sport : Abstand halten

Dortmund entdeckt den Charme des zweiten Platzes

Andreas Morbach

Mönchengladbach. Sebastian Kehl wollte nicht mehr sprechen. „Ich habe schon 68 000 Fragen beantwortet“, fauchte der Jungnationalspieler den Mann vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen an, nachdem er als einer der letzten Dortmunder den Spielertunnel hochgestapft war und sich nur noch nach einer stillen Ecke in der Kabine sehnte. Nach dem Fauchen spielte er Journalist. „Jetzt kommt sicher die Frage, ob die Meisterschaft weg ist“, polterte Kehl.

Sie kam nicht. Dafür durfte Kehl nach dem 0:1 bei Borussia Mönchengladbach noch ein bisschen von der Attraktivität des zweiten Platzes erzählen: „Unser Ziel ist es immer noch, den Abstand zu halten oder zu vergrößern.“ Dann verschwand er ins stille Kämmerlein. Andere übernahmen die Aufgabe, für den Meister das zunehmend verödete Thema Titelverteidigung abzuhandeln. Die ist nach der vierten Niederlage im fünften Auswärtsspiel des Jahres und 13 Punkten Rückstand auf Bayern München nämlich passé. Das weiß auch Michael Zorc, der Sportdirektor: „Wer etwas anderes sagt, ist ein Träumer.“

Die Borussia durfte sich beim VfB Stuttgart bedanken, der beim 1:1 gegen den HSV zwei Punkte verschenkte und somit noch hinter dem Deutschen Meister auf Platz drei steht. Sieben Tore ist Dortmund im Moment noch besser als die Schwaben, und Schalke erwies sich beim Remis gegen Bielefeld einmal mehr als zuverlässig müder Jäger. Ansonsten jedoch ballt sich hinter dem Meister der Norden und Nordosten: Werder Bremen, Hamburger SV, Hertha BSC – allesamt sind sie an diesem Spieltag aufgerückt. Stefan Reuter hat sich das Tableau genau angeschaut: „Für uns geht es darum, bis zum Saisonende den zweiten Platz zu verteidigen. Und das wird eng genug.“

Dass es durch die Niederlage beim Abstiegskandidaten so eng geworden ist, lag weniger am Kapitän und seinen Abwehrkollegen. „Bei einer Mannschaft, die so defensiv eingestellt ist wie Gladbach, müssen wir in Führung gehen“, kritisierte Matthias Sammer. „Man muss jetzt nicht glauben, in Dortmund breche eine Welt zusammen“, sagte Sammer und sprach lieber von „Kleinigkeiten, in denen wir uns verbessern müssen, da aber grundlegend“. Die wichtigste lautet in der Sammerschen Diktion „Galligkeit". Soll wohl heißen: mehr Aggressivität.

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