Sport : Abstecher auf den Rummelplatz des Radsports

WOLFGANG JOST

Warum Berlin gut tut, selbst wenn Erik Zabel von der Insel der Mandelblüte kommtVON WOLFGANG JOST BERLIN.Er kommt geradewegs von der Insel, wo gerade die Mandelbäume blühen.Noch vor dem Abflug ist er auf Mallorca 230 Kilometer geradelt, hat Kraft und Sonne getankt und am Abend Seezunge am Meer gegessen.Die braune Hautfarbe überdeckt beinahe die vielen Narben an den Beinen, die von den zahlreichen Stürzen herrühren, die zu seinem Alltag gehören.Keilerei mit der Konkurrenz bei Tempo 70, damit muß ein Sprinter leben, wenn er in seinem Sport überleben will.Als einer der Anständigsten unter diesen Ellenbogen-Kämpfern hat es Erik Zabel dabei besonders schwer.Da tut so ein Auftritt wie in Berlin gut. Als Aushängeschild für drei Nächte haben ihn Sechstage-Veranstalter Heinz Seesing und Sportdirektor Otto Ziege geholt.Erik Zabel, der Sprinterkönig der vergangenen Tour de France, tritt zusammen mit drei Kollegen vom Team Telekom an diesen Abenden in Omnium-Rennen gegen eine vierköpfige Auswahl von Sixdays-Fahrern an.Ein netter Zeitvertreib, der gut honoriert wird und bei dem der Mann, der im vergangenen Juli drei Etappen im schwersten Radrennen der Welt gewann, auch noch glänzen kann.Im Velodrom an der Landsberger Allee, wo schon sein Vater Detlef 1950 in der damaligen Werner-Seelenbinder-Halle das erste Radrennen überhaupt gewann, gehören der Applaus und das Interesse der Zuschauer ihm."Sport mit hohem Spaßeffekt", nennt er das. Gleich vier Fernseh-Stationen und einem Dutzend schreibender Journalisten muß er Interviews geben.Er tut es so, wie man ihn kennt.Klare, freundliche Worte, keine Prahlerei, bescheiden nach außen hin, selbstsicher und ehrlich.Zabel eben.Auch sein jüngstes Statement, daß der Tour-Sieg von Teamkollege Jan Ullrich dem Radsport eher geschadet als genutzt habe, weil nur Ullrichs Leistung im Juli gesehen würde und von einem Rad-Boom keine Rede sein könne, sei so einzuordnen.Der Jan sehe das genauso."Da tickt eine Bombe zwischen Jan und mir." Zabels Stellung im Team Telekom gilt als gefestigt.Für Teamchef Walter Goodefroot war es auch kein Thema, für den 27jährigen und dessen Kollegen Steffen Wesemann, Jan Schaffrath und Giovanni Lombardi eine Ausnahme vom Sixday-Verbot bei Telekom zu machen.Die Kurzauftritte sind zum einen nicht mit der stundenlangen Hatz der "richtigen" Sechstage-Fahrer durch Rauch und Kneipenmief zu vergleichen, zum anderen hat Erik Zabel, der vergangenes Jahr 27 Rennen, so viele wie kein anderer Profi, gewann, seine Hausaufgaben gemacht."Ich habe genug Kilometer gefressen", erzählt er.Über 9000 seit November, allein auf Mallorca 3000.Die Form müßte stimmen. Alles bestens also? Manchmal wundert sich der Familienvater selbst."Vieles in meinem Leben hat sich glücklich ergeben, ohne daß ich viel beigetragen habe", hat Erik Zabel einmal gesagt.Als ob Auftreten und Handeln des gebürtigen Berliners, der jetzt in Unna lebt, nicht Beitrag genug wären.Bezeichnend, daß es neben der Antrittsprämie auch noch etwas anderes gibt, das ihn gleichermaßen in die alte Heimat lockte: Als Berlins Sportler des Jahres möchte er persönlich Danke sagen mit seinem Auftritt. An diesem Sonnabend endet Zabels Abstecher auf den Rummelplatz des Radsports.Es sind dann noch rund 50 Tage bis zum ersten Klassiker Mailand - San Remo, den er im Vorjahr als zweiter Deutscher nach Rudi Altig (1968) gewann.Es sei klar, "an was man da denkt," sagt Erik Zabel.Und natürlich wäre "auch ein Tour-Etappen-Sieg wieder schön." Herr der Landstraße - das liegt ihm doch näher als Sechstage-Kaiser.Aber, so Zabel, "ich bin ein Typ der nie nie sagt." Wenn die Berliner Sechstage im Herbst, also nach der Straßensaison, gefahren würden, und wenn "dann noch ein Angebot käme, das mich ehrt ..." Geehrt werden er und die Telekom-Fahrer aber erstmal am Montag: Mit dem Silbernen Lorbeerblatt durch Innenminister Manfred Kanther.Ein bißchen Boom ist schließlich noch da.Und außer Ullrich war auch ein Erik Zabel daran etwas beteiligt.

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