Abstieg : Herthas Abschied mit Goldrand

Herthas letzte Woche in der Bundesliga wird bereits von den Personalfragen für die neue Saison überlagert: Wer bleibt? Wer geht? Kobiaschwili wird von Eintracht Frankfurt umworben.

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Berlin - Für einen Moment sieht es jetzt so aus, als würde Friedhelm Funkel doch noch zu schärferen Mitteln greifen. Pal Dardai ist beim Torschusstraining mit einem Heber an Sascha Burchert hängengeblieben, und zur Strafe geht er in den Liegestütz: sieben Mal runter, sieben Mal rauf. Schon beim nächsten Fehlschuss aber stellt sich heraus, dass Dardai sich nur selbst diszipliniert hat. Es ist reine Spekulation, ob Herthas Spieler häufiger das Tor getroffen hätten, wenn Trainer Funkel Fehlversuche mit körperlichen Strafen belegt hätte. Unstrittig ist nur, dass sie jetzt Oberarme wie Möbelpacker hätten.

Herthas erste vollwertige Trainingseinheit nach dem Vollzug des Abstiegs sieht auf den ersten Blick aus wie immer: Spielzüge üben, Torabschluss suchen. „Das ist schon ein bisschen komisch“, sagt Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger. Die Saison ist zwar noch nicht zu Ende, für Hertha aber seit Samstag endgültig gelaufen. Pal Dardai findet, dass das im Training kein Problem sei: „Wenn ein Ball ins Spiel kommt, sind wir immer noch Kinder.“

Ein Spiel steht für Hertha in dieser vermaledeiten Saison noch an, am Samstag gastieren die Bayern im Olympiastadion. Für die Berliner ist es der 442. und vorerst letzte Auftritt in der Bundesliga seit dem Aufstieg vor 13 Jahren, und durch die Anwesenheit der Bayern bekommt das Spiel sogar noch einen Goldrand. Während Hertha Abschied nimmt von der Erstklassigkeit, werden die Münchner in Berlin ihren 22. Meistertitel feiern. „Deutschland schaut auf uns, weil die Bayern die Schale kriegen“, sagt Lustenberger. Das sollte für Herthas Spieler doch Motivation genug sein, sich mit Anstand aus der Bundesliga zu verabschieden.

Die Koinzidenz – Abstiegsschmerz hier und Meisterfreuden da – passt zu dieser seltsamen Woche, die Hertha jetzt noch hinter sich zu bringen hat. Alles ist entschieden und doch schon wieder in der Schwebe, weil die Spieler längst die nächste Saison im Kopf haben. Es geht um ihre persönliche Zukunft, die unmittelbar auch Auswirkungen auf die Zukunft von Hertha BSC haben wird: Wer soll bleiben? Wer will bleiben? Das hört sich einfacher an, als es ist. Denn wer gestern noch bleiben sollte und wollte, kann heute schon ein interessantes Angebot aus der Bundesliga vorliegen haben. So wie Lewan Kobiaschwili, der den Berlinern seine Dienste für die Zweite Liga angeboten hatte, jetzt aber von Eintracht Frankfurt umworben wird.

Wenn heute Herthas Präsidium zusammentrifft, wird es auch um die Planungen für die neue Saison gehen. Endgültige Entscheidungen sind nicht zu erwarten. Manche Personalie wird sich wohl bis zur WM hinziehen, und bis dahin werden die Spekulationen nicht abreißen. Fast täglich werden die Spieler nun zu ihrer beruflichen Zukunft vernommen. Einige wie Jaroslav Drobny, Gojko Kacar und Steve von Bergen wollen oder können nichts sagen. Lukasz Piszczek soll bei Borussia Dortmund im Gespräch sein. Fabian Lustenberger sagt, Hertha besitze die Option, ihn zu halten. Ob er Angebote habe? „Ich hab gar nichts.“ Nemanja Pejcinovic sagt, Hertha sei ein guter Klub, Berlin eine schöne Stadt, „mein Wunsch ist es zu bleiben“. Hertha teilt diesen Wunsch wohl nicht. Anders sieht es bei Rasmus Bengtsson aus. Der Schwede hat zwar wenig gespielt, gilt aber als Verteidiger mit Zukunft. Der Klub jedenfalls hat Bengtsson mitgeteilt, dass er ihn gern behalten wolle.

Nur wenige Herthaner haben bereits Gewissheit, so wie Pal Dardai, dessen Zukunft vertraglich geklärt ist. „Eigentlich müsste ich jetzt zu den Amateuren“, sagt er und lächelt. Dardai weiß natürlich längst, dass er noch für mehr gebraucht wird, sagt aber auch: „Ich mache keine Werbung für mich.“ Nach 286 Bundesligaspielen muss er das wohl auch nicht mehr. Stefan Hermanns

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