Abstiegskampf ohne Kampf : Herthas Herz schlägt kaum noch

Für Hertha BSC wird es nach der erneuten Niederlage im Olympiastadion immer schwerer, den Abstieg noch abzuwenden. Vor allem die wichtigen knappen Spiele gehen in dieser Saison verloren. Auch, weil das Team nicht mit allen Mitteln kämpft.

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Berlin - Herthas Misere, dargestellt in drei Minuten: Florian Kringe wird gegen den VfB Stuttgart eingewechselt, er war ein paar Wochen verletzt, und hat gleich eine gute Szene: feines Dribbling auf der linken Seite, kluger Pass auf seinen Kollegen Adrian Ramos, der diese Torchance verschlampt, aber das ist nebensächlich. Schlimmer ist, dass sich Kringe beim Dribbling den Mittelfuß gebrochen hat, zum zweiten Mal in dieser Saison. Für ihn ist die Saison gelaufen und für Hertha BSC wohl auch. Torhüter Jaroslav Drobny genügte zur Analyse der 0:1-Niederlage gegen Stuttgart wie des gesamten Saisonverlaufs ein einziger Satz: „Es ist immer dieselbe Scheiße!“

Das ist nicht ganz im Ton Goethes formuliert und doch eine perfekte Zustandsbeschreibung des fast sicheren Absteigers aus der Fußball-Bundesliga, der nach seinem Selbstverständnis doch irgendwo im Tabellenmittelfeld zu Hause sein müsste. Es verträgt sich diese Wahrnehmung leider nicht mit den Tatsachen. Die Berliner Spielkunst reicht gegen einen traumatisierten Gegner (Hannover) oder einen formschwachen (Freiburg), gegen einen erschöpften (Wolfsburg) oder einen lustlosen (Köln). Gegen all diese Mannschaften haben die Berliner leicht und locker gewonnen, und im Anschluss fragten sie sich selbst reflexartig, wie sie denn mit dieser Mannschaft auf Platz 18 dahinvegetieren könnten.

Der Charakter einer Mannschaft aber zeigt sich nicht in Spielen, in denen der Gegner aus welchen Gründen auch immer nicht konkurrenzfähig ist. Sondern dann, wenn es eng wird. Wann immer Hertha einem Gegner auf Augenhöhe gegenübersteht, gelingt nichts oder im besten Fall ein Unentschieden, und das ist in Zeiten der Dreipunkteregel nicht viel mehr wert als nichts. Umstrittene Schiedsrichterentscheidungen wie ein falscher Abseitspfiff gegen Theofanis Gekas und ein nicht geahndetes elfmeterwürdiges Handspiel des Stuttgarters Serdar Tasci tun ein Übriges. Basis aller Kalamitäten aber bleibt, dass den Berlinern das Gespür für die Gunst des Augenblicks abhanden gekommen ist. Jene Charaktereigenschaft, die in der Fußballsprache Killerinstinkt heißt.

Der entscheidende Unterschied zur ungleich erfolgreicheren Vorsaison ist ja nicht die Qualität des Fußballs. Auch damals war Hertha selten in der Lage, dem Gegner das eigene Spiel aufzudrücken. Stilprägend waren die 14 Spiele, die Hertha mit einem Tor Unterschied gewann. In dieser Saison war es erst eines, das allererste gegen Hannover 96, als der Trainer noch Lucien Favre hieß und Hertha sich in der Tradition einer Fast-Meistermannschaft wähnte. Als oft genug ein einziges Tor reichte und die Berliner sich sicher waren, dass es schon irgendwie fallen würde. Und meist irgendwie fiel.

Seitdem hat sich einiges geändert bei Hertha BSC – nur nicht diese Mentalität, der Glaube daran, es werde schon zu einem guten Ende kommen. Pal Dardai hat am Samstagabend gesagt, er habe draußen auf der Ersatzbank immer damit gerechnet, „dass wir in der letzten Viertelstunde noch ein Tor schießen“. Ein so spätes Erfolgserlebnis ist Hertha in der Rückrunde nur bei den Selbstlaufsiegen in Hannover und Wolfsburg gelungen – aber nie, wenn es in umkämpften Spielen darauf ankam, etwa bei den torlosen Heimspielen gegen Mönchengladbach, Bochum, Hoffenheim und Dortmund. Es gelang auch gegen Stuttgart nicht. Und das liegt auch an der Art, wie Hertha BSC Fußball spielt.

Zur Charakterisierung dieses Stils reicht die Beschreibung einer einzigen Szene, es war nicht zufällig die entscheidende dieser so vermeidbaren wie logischen Niederlage gegen Stuttgart. Wie Lukasz Piszczek da bei einem Konter über die rechte Seite lief und sein Trainer Friedhelm Funkel hoffte, er werde den Ball zur Weiterverwertung „knallhart in den Torraum spielen“. Piszczek aber wollte die Situation nicht mit Leidenschaft auflösen, sondern mit Verstand, mit einem Pass in den Rücken der Stuttgarter Abwehr. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Der Ball wurde abgefangen und fand seinen Weg zu Cacau, der aus 20 Metern einfach draufhielt und mit unfreiwilliger Hilfe des abfälschenden Steve von Bergen zum Siegtor traf.

Seit 26 Spieltagen steht Hertha auf einem Abstiegsplatz, und doch hat sich seitdem nicht der Eindruck aufgedrängt, dass da eine Mannschaft mit allen Mitteln gegen den Abstieg kämpft. Hertha spielt gegen den Abstieg. Mit viel mehr Kopf als Herz.

Von außen betrachtet erwehrt sich Hertha des Abstieges mit der Leidenschaft, wie Kapitän Arne Friedrich die Niederlage gegen den VfB Stuttgart kommentierte. Arne Friedrich hat gegen Stuttgart ein großartiges Spiel gemacht, klug in der Zweikampfführung und überraschend kreativ im Aufbau. Aber als es darum ging, den Inhalt dieses abermaligen Endspiels um den Verbleib in der Liga in einen Satz zu gießen, da wählte er die blutleere Formulierung: „Wir haben es leider versäumt, die drei Punkte zu holen.“

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